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Full text of "Der Stern"

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Veröffentlichung Dezember 1981 

der Kirche Jesu Christi der 107. Jahrgang 

Heiligen der Letzten Tage Nummer 12 



Die Erste Präsidentschaft: Spencer W. Kimball, N. Eldon Tanner, Marion G. Romney, 
Gordon B. Hinckley. 

Das Kollegium der Zwölf: Ezra Taft Benson, Mark E. Petersen, LeGrand Richards, 
Howard W. Hunter, Thomas S. Monson, Boyd K. Packer, Marvin J. Ashton, Bruce R, 
McConkie, L. Tom Perry, David B. Haight, James E. Faust, Neal A. Maxwell. 

Redaktionsleitung: M. Russell Ballard, Loren C. Dünn, Rex D. Pinegar, Charles A. Didier, 
George P. Lee, F. Enzio Busche. 

Chefredakteur: M. Russell Ballard. 

Geschäftsfiihrender Redakteur: Larry A. Hiller • Stellvertreter: David Mitchell. 

Ressortleiter: Bonnie Saunders (Kinderbeilage), Roger B. Gylling (Layout), Norman Price 
(Produktion). 

Verantwortlich für die Übersetzung: Peter Keldorfer, Deutsche Übersetzungsabteilung, 
Im Rosengarten 25 B, D-6368 Bad Vilbel. Telefon: 06193/64017. 

Lokalteil: Holger G. Nickel, Im Rosengarten 25B, D-6368 Bad Vilbel. Telefon: 06193/64056. 



INHALT 

Jesus von Nazaret. Spencer W. Kimball 1 

Dem Herrn zur Ehre. Joy Saunders Lundberg 9 

Bete - und gib nicht auf! R. Burke Peter son 10 

Die Liebe eines großen Bruders. D. Brent Collette 16 

Warnung in der Nacht. Isabelle Hanson 21 

Ich habe eine Frage: 1. Dale F. Pearson - 2. Sharon und Wayne Dequer 22 

Barbara Smith - berufen zu dienen, berufen zur Freude. JoAnn Jolley 27 

Die FHV - ein Grund zum Singen. Patricia W. Higbee 33 

Aaron. Victor L. Ludlow 36 

Das Weihnachtsgeschenk. Layne H. Dearden 44 

Die Abenteuer eines jungen britischen Matrosen (2. Teil). William G. Hartley 48 

FÜR KINDER 

Weihnachtserinnerungen eines Propheten 1 

Meerrettich zu Weihnachten. Ted Shell 3 

Antonios Kerze. Virginia G. Jones 7 



Jahresabonnement: 

DM 21,60 durch Einzugsverfahren (bei Bestellung durch Zweige oder Gemeinden). 

Bei Direktbestellung an Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, 

Stadtsparkasse Frankfurt 88666, BLZ 50050102. 

sFr. 22,80 an Citibank, Genf, Konto-Nr. 0/312750/007 Kirche Jesu Christi der Heiligen 

der Letzten Tage in der Schweiz. 

ÖS 144- an Erste Österreichische Spar-Casse, Wien, Konto-Nr. 000-81388, 

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. 

USA und Kanada (nicht mit Luftpost): $ 10.00. 

© 1981 by the Corporation of the President of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints. 
All rights reserved. 

Verlag Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Porthstraße 5-7, 
D-6000 Frankfurt am Main 50. 



Printed in the Federal Republic of Germany PBMA 0642 GE 



Botschaft von der Ersten Präsidentschaft 




JESUS VON NAZARET 

PRÄSIDENT SPENCER W. KIMBALL 



Zu dieser Jahreszeit feiern wir die 
Geburt des Herrn, Jesus Christus. 
Vor einigen Jahren war ich mit meiner 
Frau und mit Bruder Howard W. Hun- 
ter und seiner Frau im Heiligen Land, 
und am Weihnachtsabend mischten wir 
uns unter die Tausende von religiösen 
Schwärmern und Neugierigen aus aller 
Welt. Gebeugt traten wir durch die 
niedrige Türöffnung in die Geburtskir- 
che und fanden im Gedränge unseren 
Weg zur Krypta, wo, wie manche Kir- 
chen behaupten, die Krippe gestanden 
habe und der Erretter geboren worden 
sein soll. 

Als wir den metallenen Stern sahen, der 
in den Betonboden eingelassen ist, war 
uns, als verschwimme er vor unserem 
Blick und als hätten wir eine roh gezim- 
merte Krippe in einer Höhle vor Augen, 
neben der eine Frau saß. Sie war schön 



von Angesicht und Geist, und ihr Blick 
ruhte auf einem kleinen Kind, das wie 
andere hebräische Kinder in Windeln 
gewickelt war. Es war wahrscheinlich 
bereits gewaschen, mit Salz eingerieben 
und auf ein quadratisches Tuch gelegt 
worden, den kleinen Kopf auf der einen 
Ecke des Tuches, die winzigen Füße auf 
der gegenüberliegenden. Das Tuch hatte 
man über ihm zusammengeschlagen und 
das ganze kleine Bündel in Windeln 
gewickelt. Die Händchen waren ihm an 
die Seite gebunden, doch gelegentlich 
wurde das Kind befreit, mit Olivenöl 
eingerieben und möglicherweise mit 
Myrtenblättern gepudert. Wenn es noch 
in Windeln lag, konnte es auf der Reise 
nach Ägypten leicht getragen und viel- 
leicht sogar der Mutter auf den Rücken 
gebunden werden. 
Wie dankbar sind wir doch, daß das 



Jesukind geboren wurde. Messen wir 
aber seiner Geburt mehr Gewicht bei als 
seinem übrigen Leben? Ist die Geburt 
das wichtigste Ereignis im Leben? Wir 
könnten fragen: Wozu werden wir ei- 
gentlich geboren? Welchen Sinn hat die 
Geburt? 

Bedenken wir, daß Millionen geboren 
worden sind. Kain wurde geboren, doch 
sein Leben endete in Finsternis. Was war 
mit seinem Leben? 

Nero wurde geboren, doch sein späteres 
Leben bot dafür nur wenig oder keine 
Rechtfertigung. Adolf Hitler wurde ge- 
boren. Was war mit seinem Leben? 
Millionen sind in Dachau und anderen 
Folterstätten verhungert und zugrunde 
gegangen. 

Ja, die Menschen sterben auch - alle 
Menschen. Millionen sterben unbeach- 
tet, ruhmlos, ja, unbekannt. Es erhebt 
sich die Frage: Haben sie das Maß ihrer 
irdischen Erschaffung erfüllt? Gewiß 
kommt es nicht so sehr darauf an, ob 
oder wo jemand stirbt, sondern vielmehr 
darauf, daß er nicht in seinen Sünden 
stirbt. Viele Menschen, die vor der 
Sintflut gelebt hatten, starben durch die 
Fluten einen schändlichen Tod in ihren 
Sünden. 

Auch Christus ist gestorben. Sein Tod 
war erhaben und von großer Bedeutung. 
Er starb, um für unsere Sünden zu 
sühnen, uns die Auferstehung zu ermög- 
lichen, uns den Weg zu einem vollkom- 
menen Leben und zur Erhöhung zu 
weisen. Er starb zu einem bestimmten 
Zweck und freiwillig. 
Er kam ganz klein zur Welt, sein Leben 
war vollkommen, sein Beispiel unwider- 
stehlich; durch seinen Tod gingen die 
Türen auf, und dem Menschen standen 



jetzt jede gute Gabe, jede Segnung offen. 
Er hätte vielleicht viel früher sterben und 
den ersten Teil der Forderung erfüllen 
können, nämlich Auferstehung und ewi- 
ges Leben. Doch offenbar mußte er ein 
längeres und gefahrvolles Leben führen, 
um den Weg zur Vollkommenheit genau 
festzulegen. 

Mehr als drei Jahrzehnte lebte er unter 
ständiger Gefahr und Bedrohung. Vom 
furchtbaren Kindermord des Herodes in 
Betlehem an bis zu dem Zeitpunkt, als 
Pilatus ihn dem blutdürstigen Pöbel 
auslieferte, lebte Jesus fortwährend in 
Gefahr. Für seine Ergreifung war eine 
Belohnung ausgesetzt. Der Preis, der 
schließlich bezahlt wurde, betrug 30 
Silberstücke. Offenbar trachteten ihm 
nicht nur seine Feinde unter den Men- 
schen nach dem Leben, sogar seine 
Freunde verließen ihn. Der Satan und 
seine Kohorten verfolgten ihn ständig. 
Trotzdem konnte er, wie wir sehen, die 
Erde auch nach seinem Tod noch nicht 
verlassen, ohne die von ihm erwählten 
Führer weiter zu unterweisen. Vierzig 
Tage blieb er noch auf Erden, um die 
Apostel auf ihre Führungsaufgaben und 
die Menschen auf ihre Rolle als Heilige 
vorzubereiten. 

Wenn wir sein Leben betrachten, sehen 
wir, wie sich die Prophezeiungen erfüll- 
ten. Wie vorhergesagt, war er „ein Mann 
voller Schmerzen, mit Krankheit ver- 
traut". (Jes 53:3.) 

Wie hätte er sein Volk wirksam führen, 
wie uns den Weg zur Befolgung seiner 
Gebote zeigen können, wenn er neben 
Freude nicht auch Schmerz ertragen 
hätte? Wie hätte man je wissen können, 
daß ein Mensch Vollkommenheit errei- 
chen kann, oder wie sollte man einen 



Menschen dazu bringen, nach Vollkom- 
menheit zu streben, wenn nicht jemand 
bewies: „Es ist möglich!"? So durchlebte 
er Prüfungen - Tag und Nacht - sein 
Leben lang. 

Das Leben, das er Tag für Tag führte, 
zeigt jedoch seine Macht, seine Fähig- 
keit, seine Kraft. Christi Leben war von 
Geburt an rauh. Als unwillkommener 
Gast wurde er in einer Krippe geboren 
und genoß nicht einmal die in israeliti- 
schen Häusern damals üblichen An- 
nehmlichkeiten. Für ihn gab es in der 
Herberge keinen Platz. 
Er war noch klein, als er überstürzt in ein 
fremdes Land gebracht werden mußte, 
um sein teures Leben zu retten. Es war 
eine beschwerliche Reise voller Hast und 
Angst, hart für das kleine Kind, das 
vielleicht noch von seiner Mutter gestillt 
wurde. Unterwegs war er wahrschein- 
lich allerlei Unannehmlichkeiten ausge- 
setzt - da waren Sandstürme, Erschöp- 
fung, ungewohntes Essen, fremde Sitten 
und eine neue, fremde Welt. Der Weg 
nach Nazaret war noch länger und 
anstrengender, und er mußte ihn wieder 
zurücklegen, um einem herzlosen Herr- 
scher aus dem Weg zu gehen. 
Die Prüfungen hörten nie auf. Vielleicht 
hat ihn sein Bruder Luzifer sagen hören, 
als er noch ein Junge von zwölf Jahren 
war: „Wußtet ihr nicht, daß ich in dem 
sein muß, das meinem Vater gehört?" 
(Lk 2:49.) Dann kam die Zeit, wo der 
Satan versucht ihn zu Fall zu bringen. 
Ihre Begegnung in der früheren Welt 
war nicht so ungleich gewesen. Jetzt aber 
war Jesus jung und der Satan erfahren. 
Durch List und mit Herausforderungen 
gedachte er den heranwachsenden Erret- 
ter zu vernichten. 





:y 




Auf all seine Annäherungen erfolgte 
jedoch die standhafte Weigerung: „Weg 
mit dir, Satan! Denn in der Schrift steht: 
Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du 
dich niederwerfen und ihm allein die- 
nen." (Mt 4:10.) Welch ein einsames 
Leben muß er geführt haben! Ein unge- 
störtes Privatleben war ihm verwehrt. 
Fast nach jedem Wunder bat er den 
Geheilten: „Nimm dich in acht! Erzähle 
niemand etwas davon!" (Mk 1:45.) 
Doch diejenigen, die seiner Macht und 
Güte teilhaftig wurden, gingen umher 
und posaunten die Sache hinaus, „so 
daß sich Jesus in keiner Stadt mehr 
zeigen konnte; er hielt sich nur noch 
außerhalb der Städte an einsamen Orten 
auf. (Mk 1:45.) Jedes Wort, das er 
sagte, wurde angegriffen. Jeden Grund- 
satz mußte er verteidigen. „Warum 
fastest du nicht? Warum essen deine 
Jünger mit ungewaschenen Händen? 



Warum brichst du das Gesetz des Sab- 
bats und heilst an diesem Tag?" Die 
führenden Männer wollten ihn dafür 
töten, daß er am Sabbat heilte. 
Es war schlimm genug, daß ihm seine 
Feinde Fallen stellten, doch sogar seine 
Freunde „machten sich auf den Weg, 
um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn 
sie sagten: Er ist von Sinnen". (Mk 3:21 .) 
Von wem konnte er Mitgefühl erwarten? 
War das der Grund, weshalb er so oft 
einen Berg erstieg, um allein zu sein und 
bei seinem Vater Trost zu holen? Ein- 
sam, allein, niemand, dem er sich anver- 
trauen konnte, nirgends, wohin er sich 
wenden konnte. „Die Füchse haben ihre 
Höhlen und die Vögel ihre Nester; der 
Menschensohn aber hat keinen Ort, wo 
er sein Haupt hinlegen kann." (Lk 9:58.) 
So erklimmt er eben die Hügel, aber man 
folgt ihm. Er fährt über das Wasser, 
doch auch dort wartet die Menge. Er legt 
sich im Schiff zur Ruhe und wird unsanft 
mit dem Vorwurf geweckt: „Kümmert 
es dich nicht, daß wir zugrunde gehen?" 
(Mk 4:38.) 

Sogar als er seinem Tod entgegenging, 
mußte er zu seinen Zwölfen sagen: 
„Habe ich nicht euch, die Zwölf, er- 
wählt? Und doch ist einer von euch ein 
Teufel." (Joh 6:70.) Danach war er 
tagtäglich mit einem Verräter zusam- 
men. 

Wie einsam! Wie trostlos! Immer fliehen 
und warten und dabei wissen, daß der 
Tod nicht mehr fern war! „Er wollte sich 
nicht in Judäa aufhalten, weil die Juden 
darauf aus waren, ihn zu töten." (Joh 
7:1.) 

Er wollte unerkannt bleiben, doch er 
konnte sich nicht verbergen. Eine seiner 
größten Enttäuschungen war seine 



Heimkehr. Er wurde nicht gefeiert, son- 
dern nur neugierig begafft und dann 
verstoßen. „Ist das nicht der Zimmer- 
mann, der Sohn der Maria?" (Mk 6:3.) 
Der gewöhnliche Junge von der Straße, 
sagten sie. 

Auf seine Ergreifung wurde eine Prämie 
ausgesetzt. Immer sah er sich der Gewalt 
gegenüber. Die Leute wurden nach sei- 
nem Aufenthalt gefragt, so daß man ihn 
töten könnte. Das Schreckgespenst des 
Todes ging vor ihm her, ruhte und 
wandelte mit ihm und folgte ihm überall 
hin. 

Wie schwer muß es ihm, der einen 
Feigenbaum mit einem einzigen Wort 
verdorren lassen konnte, gefallen sein, 
seine Feinde nicht zu verfluchen. Statt 
dessen aber betete er für sie. Zurück- 
schlagen und heimzahlen ist menschlich, 
doch Beleidigungen hinnehmen, wie er 
es tat, ist göttlich. Er wurde immerfort 
auf die Probe gestellt: als er sich von dem 
bekannten Verräter küssen ließ, ohne 
Widerstand zu leisten; als er von einem 
verworfenen Pöbelhaufen ergriffen wur- 
de und seinem getreuen Apostel Petrus 
verwehrte, ihn zu verteidigen, obwohl 
dieser würdige Mann bereit gewesen 
wäre, im Kampf für ihn zu sterben. 

Mit zwölf Legionen Engeln unter seiner 
Herrschaft ergab er sich und nahm den 
tapferen Apostel an seiner Seite die 
Waffe ab. Er ließ sich abführen und 
beleidigen, ohne zurückzuschlagen. 

Hatte er nicht gesagt: „Liebet eure 
Feinde" (Mt 5:44)? 

Ruhig und beherrscht, voll göttlicher 
Würde stand er da, als sie ihm ins 
Gesicht spien. Sie stießen ihn umher, 
doch kein Wort des Zorns entkam 



seinen Lippen. Sie schlugen ihn ins 
Gesicht und mißhandelten ihn, doch er 
stand fest und unerschrocken da. 
Er befolgte buchstäblich seine eigene 
Ermahnung: Als sie ihn schlugen, kehrte 
er ihnen die andere Wange auch zu. Er 
zuckte nicht, stritt nichts ab und wehrte 
sich nicht. Als falsche, gekaufte Zeugen 
über ihn die Unwahrheit sagten, verur- 
teilte er sie offenbar nicht. Sie verdreh- 
ten ihm das Wort im Mund und legten es 
ihm falsch aus. Trotzdem blieb er ruhig 
und gelassen. Hatte er nicht gelehrt: 
„Betet für die, die euch verfolgen" (Mt 
5:44)? 

Er, der allein die Welt und alles, was 
darin ist, geschaffen hat; er, der Schöp- 
fer des Silbers, aus dem die Münzen 
geprägt waren, um die er verkauft wur- 
de; er, dem auf beiden Seiten des Schlei- 
ers Helfer zu Gebote standen - er stand 
da und litt. 

Auch zu den Leuten, die nach Barrabas 
riefen - „Laßt den Barrabas frei" (Lk 
23:18) - sagte er nichts. Sogar als sie 
nach seinem Blut verlangten - „Kreuzi- 
ge ihn, kreuzige ihn" (Lk 23:21) - kam 
aus seinem Mund kein bitteres, gehässi- 
ges oder verdammendes Wort. Er blieb 
ruhig. Das ist göttliche Würde, Macht, 
Beherrschung. Barrabas statt Christus! 
Barrabas frei, Christus gekreuzigt! Der 
Schlechteste und der Beste; der Gerechte 
und der Ungerechte; der Heilige gekreu- 
zigt, der Übeltäter frei. Trotzdem rächte 
er sich nicht, beschimpfte niemand, 
verdammte niemand. 
Doch es kamen noch weitere Prüfungen. 
Obgleich man ihn für unschuldig be- 
fand, wurde er gegeißelt. Unwürdige 
schlugen ihn, den Reinen und Heiligen, 
den Sohn Gottes. Ein Wort von seinen , 




Lippen und all seine Feinde wären 
hilflos zu Boden gestürzt. Alle wären 
zugrunde gegangen, wären zu Staub und 
Asche geworden. Doch er litt still. 
Dann die Dornenkrone. Wie schmerz- 
haft und zermürbend! Und doch blieb er 
gleichmütig! Solche Kraft, solche Ge- 
walt über sich selbst - mehr, als wir 
erfassen können. 

Blut von den Dornen wollten sie sehen. 
Hatten sie nicht soeben gesagt: „Sein 
Blut komme über uns und unsere Kin- 
der" (Mt 27:25)? Jetzt ließen sich diese 
Menschen durch nichts mehr zurückhal- 
ten. Sie wollten ihren Blutdurst stillen 
und befriedigen. Das würde durch die 
Kreuzigung geschehen, doch erst muß- 
ten sie ihrem bestialischen Sadismus 
freien Lauf lassen. Erst mußten sie ihm 
ihren ekeligen Speichel ins Gesicht 
schleudern und menschenunwürdige 
Grausamkeiten an ihm begehen. 



Sein wunder, zerschlagener, blutiger 
Körper sollte das schwere Todesinstru- 
ment selbst tragen, während die anderen 
ohne Last auf ihrem starken Rücken 
zusahen, wie ihm der Schweiß ausbrach, 
wie er zerrte und hob - ein hilfloses 
Opfer. Doch war er wirklich hilflos? 

Konnte er nicht immer noch zwölf 
Legionen Engeln befehlen? Standen sie 
nicht immer noch mit gezogenem 
Schwert bereit? Litten sie nicht immer 
noch mit, während es ihnen verwehrt 
war, die Hand zu heben und ihm zur 
Rettung zu eilen? 

Doch er geht seinen Weg allein. Die 
Nägel werden ihm durch Hände und 
Füße geschlagen, durch weiches, zittern- 
des Fleisch. Der Schmerz wird immer 
tobender. Der Kreuzesstamm fällt ins 
Loch, das Fleisch zerreißt. Welch unsäg- 
licher Schmerz! Neue Nägel werden ihm 
in die Handgelenke geschlagen, damit 
sein Leib nicht etwa herabfalle und 
gerettet werde. 

Immer lauter wird das Hohngeschrei des 
Pöbels, der herankommt und gafft, lä- 
stert und spottet. „Anderen hat er 
geholfen, sich selbst kann er nicht hel- 
fen." (Mk 15:31.) 

Welche Versuchung muß dies für den 
Herrn gewesen sein - hätte er doch ohne 
Wunden und Schmerzen herabsteigen 
können! Welch eine Herausforderung 
muß dies gewesen sein - und doch hatte 
er seinen Entschluß getroffen einen Ent- 
schluß, bei dem er große Blutstropfen 
geschwitzt hatte, hatte er doch seine 
Mission vor sich gesehen, nämlich vor- 
wärtszuschreiten durch all die furchtba- 
re Schmach bis zum schließlichen Tod, 
um gerade jene Menschen und ihre 



Kinder zum Leben zu erwecken, wenn 
sie bloß auf ihn hörten. 
Auch jetzt, da sein Erdenleben zur Neige 
ging, behielt er die Gewalt über sich und 
hielt der Versuchung stand, sie seine 
Macht fühlen zu lassen. Der Luzifer, der 
ihn in der Wildnis, auf dem Berg und auf 
den Zinnen des Tempels versucht hatte, 
hatte seine Anhänger mit viel Erfolg 
angestiftet. Sie bedienten sich nun der- 
selben Taktik, ja, sogar derselben Wor- 
te: „Wenn du der König der Juden bist, 
dann hilf dir selbst!" (Lk 23:37.) Der 
Dieb am Kreuz forderte ihn heraus: 
„Bist du denn nicht der Messias? Dann 
hilf dir selbst und auch uns!" (Lk 23:39.) 
Im weiteren Kreis drängten sich andere, 
die ihn ebenfalls verfolgten und kaum 
einen Deut besser waren. Die überhebli- 
chen Priester in ihren bestickten Gewän- 
dern, die Führer des Volkes - alles 
nichtswürdige Menschen - lästerten und 
höhnten ebenfalls. 

Seine letzte Stunde war gekommen. Er 
war allein - mitten in einer Volksmenge. 
Er war allein, und die Engel warteten 
voll Ungeduld darauf, ihm Trost zu 
spenden. Allein mit seinem Vater, der 
mitfühlte, doch wußte: Sein Sohn mußte 
den blutigen, qualvollen Weg allein 
gehen. Allein, erschöpft, fiebernd, ster- 
bend rief er aus: „Mein Gott, mein Gott, 
warum hast du mich verlassen?" (Mt 
27:46.) Allein war er im Garten Getse- 
mani gewesen und hatte um Kraft 
gebetet, damit er den bitteren Kelch zu 
leeren vermochte. 

Er hatte gesagt: „Liebet eure Feinde." 
Nun zeigte er ihnen, wie sehr jemand 
seine Feinde lieben kann. Er starb am 
Kreuz für die, die ihn daran genagelt 
hatten. Bei seinem Tod ertrug er so 



großes Leid wie kein anderer Mensch 
vor ihm oder danach. Trotzdem rief er: 
„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen 
nicht, was sie tun." (Lk 23:34.) War dies 
nicht das Schlußwort, die höchste aller 
Taten? Wie göttlich war es doch, den 
Menschen zu vergeben, die ihn töteten, 
die nach seinem Blut schrien. Er hatte 
gesagt: „Betet für die, die euch verfol- 
gen" - und jetzt betete er für sie. Er lebte 
in vollkommener Weise nach dem, was 
er lehrte. Sein Gebot an uns lautet: „Ihr 
sollt also vollkommen sein." Durch sein 
Leben, seinen Tod und seine Auferste- 
hung hat er uns wahrlich den Weg 
gezeigt. So wie Auferstehung und Tod 
und Leben spielt auch die Geburt auf 
dem Weg zur Vollkommenheit eine 
wichtige Rolle. 

Damit kehre ich im Gedanken wieder 
zurück nach Betlehem - in das heutige 
Betlehem. Meine Frau und unsere Be- 
gleiter befinden sich in der drängenden 
Menge, wir werden hierhin und dahin 
geschoben. Fast gehen wir unter in dem 
Meer von Leibern und Gesichtern. Es ist 
schwer, sich auf den heiligen Zweck 
unseres Kommens zu besinnen. Auf dem 
Hügel gibt es wenig, was uns zur An- 
dacht mahnen oder unser Verlangen 
stillen würde, mit unseren Gedanken 
allein zu sein. 

Wir lassen uns mit dem Taxi auf den 
Hügel fahren, wo man die Weide der 
Hirten überblickt. Unter uns in dem 
kleinen Tal ist das Feld von Boas und 
Rut. Vor uns liegt das hügelige Land, wo 
die Hirten einst ihre Schafe hüteten. Auf 
der Anhöhe des Hügels sehen wir eine 
Höhle, von wo aus man einen Blick über 
das kleine Tal hat. Dort sollen die Hirten 
in jener bedeutsamen Nacht geschlafen 




und gewacht haben. Die offene Höhle 
schützte sie vor der Kühle der Nacht, 
und zugleich konnten sie die Schafe im 
Auge behalten. Es war der einzige Ort in 
der Nähe von Betlehem, wo wir allein 
sein konnten. Wir standen in der Fin- 
sternis, und wie damals die Hirten 
blickten wir hinunter ins Tal und hinauf 
zum Sternenhimmel. 
Haben in jener Nacht nicht die Engel 
gesungen? Auch wir vermeinten leise 
Musik zu vernehmen - nicht laut, doch 
so vielstimmig harmonisch, daß sie uns 
tief ins Herz drang. Uns war, als hörten 
wir einen Chor die unsterbliche Melodie, 
den Ruf aller Zeiten, singen: „Verherr- 
licht ist Gott in der Höhe, und auf Erden 
ist Friede bei den Menschen seiner 
Gnade." (Lk 2:14.) 

Als uns diese Worte und Klänge vom 
Himmel ins Herz drangen, begannen wir 
vier zu singen. Nachdem wir „Weit, weit 



entfernt, dort im Morgenland" gesun- 
gen hatten, standen wir eng beieinander 
in der Sternennacht, die Mäntel fest 
zugezogen - einander körperlich, geistig 
und in unseren Gefühlen nahe, und 
sprachen miteinander. Kein Licht außer 
den blinkenden Sternen am Himmel; 
kein Laut, außer unserem Flüstern. 
Unser Vater schien nahe, sein Sohn 
nicht weit. Wir beteten. Unsere Herzen, 
einstimmiger als eine einzige Stimme, 
suchten Ausdruck für ihre Liebe und 
Dankbarkeit, und unser Gebet stieg 
empor, zusammen mit den Gebeten der 
ganzen Menschheit an jenem Abend. 
In einem Dankgebet gaben wir unserer 
Liebe Ausdruck. Wie Schleusen, die sich 
öffnen und die lang dahinter aufgestau- 
ten Wasser freigeben, schütteten wir 
unseren Dank aus - mit fast unhörbarer 
Stimme, gedämpft von Ehrfurcht und 
den ungreifbaren Kräften der himmli- 
schen Welt. Wir sind dankbar, Vater, 
daß wir mit solcher Gewißheit wissen: 
Du lebst; das Kind, das hier geboren 
wurde, war in der Tat dein Sohn. Wir 
sind dankbar, daß dein Plan Wirklich- 
keit ist und zur Erhöhung führt. Wir 
sagten ihm, daß wir ihn lieben und 
kennen und daß wir ihm nachfolgen 
wollen. Wir widmeten seiner Sache er- 
neut unser Leben, unser Alles. 
Die Jahre sind seither gekommen und 
gegangen, doch immer noch weihen wir 
uns zu dieser schönen Jahreszeit von 
neuem seinem Werk. Wir laden alle 
Menschen überall ein, sich unseren Ge- 
beten anzuschließen und ihm ihre Freu- 
de und Liebe und ihre Dankbarkeit für 
das Leben und die Lehre unseres Herrn 
und Erretters, Jesus Christus, des Got- 
tessohns, auszudrücken. D 



Für die Heimlehrer 

Erzählen Sie ein persönliches Er- 
lebnis, das Ihnen geholfen hat, die 
Rolle, die der Erretter in Ihrem 
Leben spielt, besser zu verstehen, 
oder erzählen Sie eine Geschichte 
aus der heiligen Schrift, die bei- 
spielhaft zeigt, wie sehr der Herr 
uns liebt und an uns Anteil 
nimmt. 

2 # Fragen Sie die Familie, ob jemand 
von ihnen schon einmal ein per- 
sönliches Erlebnis gehabt hat, das 
ihm hilft, das Leben und die Mis- 
sion des Erretters mehr zu schät- 
zen. 

3 # Fordern Sie die Familie auf, es 
sich zur Gewohnheit zu machen, 
daß sie sich täglich mit dem Leben 
des Erretters beschäftigen, damit 
sie ihn besser kennenlernen und so 
leben, wie er es von ihnen erwar- 
tet. 

4 Sind in dem Artikel einzelne Pas- 
sagen oder Schriftstellen, die die 
Familie vorlesen könnte, oder ha- 
ben Sie außerdem noch Schriftstel- 
len, die Sie gern gemeinsam mit 
der Familie lesen möchten? 

^ t Wäre es für dieses Gespräch bes- 
ser, wenn Sie sich vor dem Besuch 
mit dem Haushaltsvorstand unter- 
halten? 



* 



* 



DEM HERRN 
ZUR EHRE 

Joy Saunders Lundberg 



Unmittelbar vor Weihnachten 
hatten wir einen besonderen 
Gast zum Familienabend eingela- 
den. Wir saßen im Wohnzimmer, 
und ich sagte dieser Schwester, war- 
um sie bei uns war: „Marie, wir 
haben gesehen, was du alles tust, 
und festgestellt, daß du den Erretter 
liebst. Wir konnten ihn nicht per- 
sönlich einladen, um den Tag seiner 
Geburt zu feiern, und so haben wir 
uns entschlossen, jemand einzula- 
den, der sich bemüht, wie er zu sein. 
Wir haben uns für dich entschlos- 
sen, Marie." 

Marie ist eine liebenswerte alleinste- 
hende Frau, die trotz eigener 
Schwierigkeiten für andere im stil- 
len Gutes tut. Tränen traten ihr in 
die Augen, als ihr unsere Kinder der 
Reihe nach sagten, bei welchen 
Taten, die denen Christi gleich wa- 
ren, sie sie beobachtet hatten. 
Als aber unser Achtjähriger an die 
Reihe kam, war sein Herz so voll, 



daß er kein Wort herausbrachte. 
Anfang des Jahres hatte er Nachhil- 
feunterricht beim Lesen gebraucht, 
und sie hatte ihn den ganzen Som- 
mer betreut, ohne dafür etwas zu 
nehmen. Jetzt - mehrere Monate 
danach - hatte er endlich Erfolg in 
der Schule. 

Alle im Raum verspürten die tiefen 
Gefühle, die unser Sohn zum Aus- 
druck bringen wollte. Der Augen- 
blick war so heilig, daß es schien, als 
sei Jesus schließlich doch selbst zu 
uns gekommen. 

Wir verspürten bei diesem Weih- 
nachtsfest einen so guten Geist, daß 
wir uns entschlossen, von da an 
immer einen Menschen, der Chri- 
stus ähnlich war, - oder eine ganze 
Familie - zum Weihnachtsfest ein- 
zuladen - dem Erretter zur Ehre. 
Dies hat uns dazu bewegt, daß wir 
jeden Tag noch eifriger danach 
streben, so zu sein wie er. D 



* 



* 



BETE- 
UND GIB NICHT AUF ! 



Nach einer Ansprache, anläßlich einer Fireside, woran 14 Pfähle teilnahmen, 
am Sonntag, den 2. März 1980 an der Brigham Young- Universität 




Bischof H. Burke Peterson, 
Erster Ratgeber des Präsidierenden Bischofs 



Das größte Ziel im Leben - und 
nichts fordert mehr von uns - 
besteht darin, daß wir den Erretter 
kennenlernen. Wir lernen ihn kennen, 
indem wir so leben wie er und seine 
Gebote halten. Und noch besser lernen 
wir ihn kennen, indem wir von ihm 
Zeugnis geben. Wenn wir seine Gebote 
nicht halten und nicht von ihm Zeugnis 
geben, erfüllen wir den Zweck unseres 
Lebens nicht zur Gänze. Es gibt viele 
gute Menschen auf der Welt, die allerlei 
Gutes tun, jedoch vom Erretter und 
seiner Mission nicht Zeugnis geben kön- 
nen. 



Wenn wir uns bemühen, rechtschaffen 
zu leben, werden uns Prüfungen, Ent- 
täuschung und Entmutigung widerfah- 
ren. Die Kette von Schwierigkeiten reißt 
nie ab. Sie treffen einen jeden von uns. 
Niemand bleibt davor bewahrt, und 
niemand bildet eine Ausnahme. 
Als ich Bischof und Pfahlpräsident in 
Arizona war, dachte ich tatsächlich, die 
Generalautoritäten hätten es schön, weil 
sie sich wegen nichts außer wegen der 
Führung der Kirche Sorgen zu machen 
brauchten. Dann wurde ich selbst Gene- 
ralautorität. Inzwischen weiß ich, daß 
alle Führer der Kirche mit Schwierigkei- 



10 



ten zu kämpfen haben - im persönlichen 
Bereich, in der Familie und was ihre 
Gesundheit anbelangt. Das verlangt 
auch den besten von ihnen viel ab. Sie 
haben Prüfungen, die ich gewiß nicht 
mit ihnen tauschen möchte. 
Wir alle wissen von den gesundheitli- 
chen Schwierigkeiten Präsident Kim- 
balls. Ich weiß noch, wie wir vor vielen 
Jahren, als ich in die Präsidierende 
Bischofschaft berufen wurde, in einen 
Raum im Tempel gebeten wurden, wo 
die neu bestätigten Brüder eingesetzt 
werden sollten. Vor den Einsetzungen 
sollten die Brüder Präsident Kimball 
einen Segen geben. Er war damals 
Präsident des Kollegiums der Zwölf und 
stand kurz vor einer Herzoperation. 
Als ich ihn in seinem Stuhl sitzen sah - 
die Apostel hatten ihm die Hände aufge- 
legt -, dachte ich: „Warum? Warum 
muß sich ein Mann, der so viel mitge- 
macht hat, jetzt auch noch einer Herz- 
operation unterziehen?" Ich wußte, der 
Herr konnte ihn in einem Augenblick 
heilen, wenn er wollte, und ich fragte 
mich, warum er es nicht tat. Heute 
verstehe ich - und Sie wahrscheinlich 
auch -, daß der Herr einen Mann, einen 
Apostel, darauf vorbereitete, sein Pro- 
phet zu sein. Er wollte einen Propheten 
und Präsidenten, der auf ihn hören, die 
Eingebungen des Geistes empfangen 
und sich ihnen öffnen würde. 
Das ist auch der Grund, weshalb wir alle 
fortwährend Prüfungen ausgesetzt sind. 
Wir brauchen solche Erfahrungen, da- 
mit wir dem Herrn näherrücken und 
lernen, in allem auf ihn zu vertrauen. 
Das ist es, was er von einem jeden 
erwartet. In erster Linie möchte er, daß 
wir ihn kennen. 

Vielleicht fällt Ihnen das Beten schwer, 
weil sie sich gar nicht sicher sind, ob der 



Herr zuhört. Vielleicht sind Sie sich 
nicht einmal sicher, ob es ihn überhaupt 
gibt. Vielleicht fühlen Sie sich auch 
schuldig oder unwürdig. Was immer 
auch die Ursache ist - Ihre Verbindung 
zu ihm ist in diesem Fall nicht so, wie sie 
sein sollte. 

Haben Sie sich schon einmal allein 
hingekniet und den Herrn um etwas 
gebeten, was Ihnen viel bedeutet, um 
dann festzustellen, daß Ihr Gebet nicht 
in der erhofften Weise erhört wurde? Ich 
schon. Haben Sie jemals Tag für Tag um 
etwas Bestimmtes gebetet und dann 
festgestellt, daß es sich nicht so gefügt 
hat, wie Sie wollten? Ich schon. In der 
Vergangenheit habe ich es oft und oft 
erlebt, daß ich mich von den Knien 
erhob und mich verzweifelt gefragt ha- 
be: „Hat es überhaupt einen Sinn? Er 
hört nicht einmal zu" oder: „Vielleicht 
bin ich nicht würdig" oder: „Vielleicht 
verstehe ich einfach seine Antwort 
nicht". 

Vor ein paar Jahren dachte ich nach 
einem solchen enttäuschenden Erlebnis 
beim Beten an meinen irdischen Vater, 
der schon seit einiger Zeit verstorben ist. 
Als er noch lebte, konnte ich immer zu 
ihm gehen und über alles mit ihm reden, 
und er hörte mir zu. Er war nicht 
vollkommen, doch er hörte einem zu. 
Nun möchte ich Ihnen sagen: Ich weiß, 
daß der himmlische Vater zuhört, wenn 
eins seiner Kinder sich niederkniet und 
zu ihm spricht. Ich weiß nichts gewisser 
als dies - daß der himmlische Vater jedes 
Gebet seiner Kinder hört. Ich weiß, daß 
unsere Gebete zum Himmel aufsteigen. 
Was immer wir auch falsch gemacht 
haben, er hört uns zu. 
Ich glaube auch, daß er uns antwortet. 
Ich glaube nicht, daß er seine Kinder 
unbeachtet läßt, wenn sie zu ihm spre- 



11 



chen. Die Verständigung mit ihm ist 
deshalb schwierig, weil nicht alle von 
uns gelernt haben, auf seine Antwort zu 
hören, oder weil wir dazu gar nicht 
bereit sind. Ich glaube, wir empfangen 
seine Antwort, wenn wir uns dafür 
bereitmachen. 

Wenn wir durchs Leben gehen, errichten 
wir zwischen uns und dem Herrn oft- 
mals eine Mauer. Sie besteht aus unseren 
Sünden, von denen wir nicht umkehren. 
In dieser Mauer können Steine verschie- 
dener Größe und Form sein - zum 
Beispiel, weil wir zu jemand gehässig 
waren. Wenn wir unsere Führer und 
Lehrer in der Kirche kritisieren, können 
wir einen Stein hinzufügen und einen 
weiteren, wenn wir nicht bereit sind, 
einem anderen zu vergeben. Schmutzige 
Gedanken und Handlungen können ei- 
nen sehr großen Stein in dieser Mauer 
darstellen. Unehrlichkeit ist ein solcher 
Stein, Eigennutz wieder einer und so 
weiter. 

Auch wenn wir vor uns eine Mauer 
errichten, antwortet uns der Herr vom 
Himmel, wenn wir zu ihm rufen. Doch 
anstatt daß seine Antwort uns ins Herz 
dringt, trifft sie auf die Mauer und prallt 
von ihr ab. Seine Antwort dringt nicht 
bis zu uns durch, und so sagen wir: „Er 
hört mich nicht" oder: „Er antwortet 
nicht". Manchmal ist solch eine Mauer 
sehr mächtig, und nichts in unserem 
Leben ist so wichtig, als sie niederzurei- 
ßen oder, wenn man so will, uns rein zu 
machen - uns innerlich zu reinigen, 
damit wir mit dem Geist in Einklang sein 
können. 

Ich möchte Ihnen ein paar Beispiele 
nennen. Ich nehme an, jeder hat schon 
erlebt, daß ihm jemand etwas Unange- 
nehmes angetan hat, was ihn zornig 
machte. Wir können das nicht verges- 



sen, und wir gehen dem Betreffenden aus 
dem Weg. Wir vergeben ihm nicht. Der 
Herr hat aber unmißverständlich zu 
denjenigen gesprochen, die ihren Mit- 
menschen nicht vergeben. Vor vielen 
Jahren hatte ich in diesem Zusammen- 
hang ein Erlebnis. Ich bildete mir ein, 
man hätte mich übervorteilt, und ich 



Ich weiß, daß der 

himmlische Vater zuhört, 

wenn eins seiner Kinder sich 

niederkniet und zu ihm 

spricht. 



mochte den Betreffenden nicht. Ich 
mochte nicht in seiner Nähe sein. Wenn 
ich ihm auf der Straße begegnete, ging 
ich auf die andere Seite. Ich redete nicht 
mit ihm. Die Sache hätte schon lange 
bereinigt sein sollen, so aber ließ ich mir 
davon immer noch die Seele zerfressen. 
Endlich faßte ich den Entschluß, darum 
zu beten, daß ich diesem Mann gegen- 
über bessere Gefühle hegen könne. Am 
nächsten Morgen kniete ich mich nieder 
und betete um ein freundliches Gefühl 
ihm gegenüber, doch als ich mich erhob, 
mochte ich ihn noch immer nicht. Auch 
am darauffolgenden Abend und eine 
Woche später - sogar einen Monat 
später konnte ich ihn nicht leiden. Dabei 
hatte ich jeden Morgen und jeden Abend 
darum gebetet. Ich gab aber nicht auf, 
und schließlich wurde mein Gebet im- 
mer inständiger. Ich betete nicht mehr, 
ich flehte. Nach vielen Gebeten kam 



12 



endlich der Tag wo ich wußte: Jetzt 
könnte ich vor dem Herrn stehen, wenn 
ich müßte, und er würde wissen, mein 
Herz war wenigstens in dieser Hinsicht 
rein. Nach einiger Zeit war in mir eine 
Veränderung vorgegangen. Der Stein 
des Nichtvergebens war fort. 
Ob wir imstande sind, die Eingebungen 
des Geistes zu empfangen und die Ant- 
wort auf unsere Gebete zu hören, hängt 
davon ab, wie wir leben. Verstehen wir 
dies nicht falsch. Der himmlische Vater 
gibt uns in jedem Fall eine Antwort, 
doch sind wir oft nicht bereit, ihn 
anzuhören. Manche Gebete werden 
gleich erhört, bei anderen dauert es 
länger, und das sind die Fälle, wo wir 
den Mut verlieren. 

Vor einigen Jahren erhielt ich einen 
Auftrag, der mich nach Deutschland 
führte. Vor dem Abflug hatte ich mit 
einer Grippe zu kämpfen, und ich war 
nicht sicher, ob ich die Reise überhaupt 
antreten sollte. Ich dachte jedoch, es sei 
besser zu fahren - es waren ja viele 
Vorbereitungen nötig gewesen, und viele 
Leute waren davon betroffen. Nach dem 
Flug New York - Frankfurt fühlte ich 
mich müde und unwohl. Ich war allein 
und konnte kein Deutsch, daher nahm 
ich gleich am Flughafen ein Hotelzim- 
mer. Bevor ich aufs Zimmer ging, suchte 
ich eine Apotheke auf und holte mir ein 
Rachendesinfektionsspray. Der Behäl- 
ter hatte einen fingerlangen Plastikan- 
satz, den man sich in den Rachen 
stecken mußte, um sich das Medikament 
zuzuführen. 

Ich ging aufs Zimmer und machte mich 
bereit, eine Weile zu schlafen. Als ich das 
Spray nehmen wollte, ging das Plastik- 
röhrchen ab und rutschte mir durch den 
Hals hinunter. Ich konnte es nicht 
spüren, doch ich wußte, irgendwo drin- 



nen hatte ich ein Plastikröhrchen 
stecken. Was sollte ich tun? Ich hustete 
und tat alles mögliche, um das Rohr 
herauszubekommen. Dann fing ich an, 
mir Sorgen zu machen - nicht, daß ich in 
Lebensgefahr gewesen wäre, doch es 
warteten in mehreren Ländern Leute auf 
mich, und ich sollte die nächsten drei 
Wochen unterwegs sein. Wenn nicht 
sofort etwas geschah, würde ich in eine 
Klinik müssen, um das Röhrchen opera- 
tiv entfernen zu lassen. Ich brauchte 
sofort Hilfe. Ich kniete mich neben das 
Bett und sagte dem Herrn, ich hätte 
niemanden, an den ich mich wenden 
könne. Ich könne kein Deutsch und 
wüßte keinen Arzt, auch kenne ich 
überhaupt niemanden hier und es gebe 
Leute, die auf mich warteten. Ich bat 
ihn, mich von diesem Röhrchen zu 
befreien. Als ich vom Beten aufstand, 
kam das Röhrchen innerhalb von zwei 
Sekunden heraus. Manche Gebete wer- 
den sofort erhört. 

Ein andermal fragt man sich, ob der 
Herr überhaupt je antworten wird. Vor 
etwa 22 Jahren wurde unsere vierte 
Tochter geboren. Nach der Geburt sagte 
der Arzt meiner Frau, sie solle keine 
Kinder mehr bekommen. Wir sprachen 
darüber, und sie sagte: „Ich habe das 
Gefühl, es gibt noch ein Kind für uns." 
Darum faßten wir natürlich den Ent- 
schluß, noch eins zu bekommen. 
Es verging ein Jahr, und es kam nicht. 
Zwei verstrichen, und nachdem wir 
schließlich acht Jahre gebetet hatten, 
sagte meine Frau: „Weißt du was? Wir 
bekommen ein Baby!" Sie sehen, man- 
che Gebete werden schnell erhört, doch 
manchmal muß man lange beten, bevor 
man bekommt, was man möchte. 
Wenn wir lernen, auf die Eingebungen 
des Geistes zu hören, und uns bereitma- 



13 



chen, sie zu empfangen, müssen wir 
zugleich auch lernen, das zu tun, was uns 
eingegeben wird. Die Botschaft zu emp- 
fangen und dann den Mut zu haben, sie 
auch zu befolgen - das kann einen 
wirklich fordern! 



Manche Gebete werden 

schnell erhört, doch 

manchmal muß man lange 

beten, bis man bekommt, 

was man möchte. 



Ich bitte Sie, tun Sie folgendes - unge- 
achtet Ihrer Lebensumstände, ob es 
Ihnen nun schlecht- oder gutgeht. 
Wenn Sie heute abend einen Ort finden, 
wo Sie allein sein können, gehen Sie 
dorthin. Wenn Sie nicht allein sein 
können, tun Sie trotzdem, was ich sage. 
Denken Sie daran, zu wem Sie beten. Oft 
knien wir uns hin und fangen so schnell 
zu beten an, daß wir gar nicht daran 
denken, mit wem wir reden. Oft stelle ich 
mir ein Gemälde vor, das den Erretter 
zeigt. Natürlich weiß ich nicht, wie der 
himmlische Vater aussieht, doch so habe 
ich etwas, woran ich beim Niederknien 
denken kann. 

Wenn Sie daran denken, zu wem Sie 
beten, sprechen Sie laut mit ihm. Wenn 
Sie wollen, können Sie auch flüstern. 
Reden Sie ihn als Vater an, und sagen 
Sie, was Sie ihm sagen möchten. Seien 
Sie aufrichtig, und sagen Sie ihm, was 
Sie ihm mitteilen möchten. Vertrauen 
Sie sich ihm an; lassen Sie ihn wissen, 



was Ihnen am Herzen liegt. Bitten Sie 
ihn um Hilfe. Erfreuen Sie sich an 
seinem Geist. Sagen Sie ihm, daß Sie ihn 
lieben. Ich weiß nicht, wer von Ihnen 
schon laut gebetet und dem Herrn gesagt 
hat, daß er ihn liebt. Es ist ein schönes 
Erlebnis. 

Wenn Sie zu ihm gesprochen haben, 
hören Sie ihm zu. Sie müssen aufmerk- 
sam horchen, sonst entgeht Ihnen seine 
Antwort. Manchmal betet jemand eine 
Minute oder fünf und sogar fünfzehn 
Minuten lang und hört dann nicht 
einmal eine Sekunde lang zu. Vielleicht 
ist das Resultat ein anderes, wenn Sie 
nach dem Gebet noch einmal eine, fünf 
oder fünfzehn Minuten auf den Knien 
bleiben, bis Sie das schöne, warme 
Gefühl verspüren, daß Sie eine Antwort 
erhalten haben. Dann wissen Sie: Der 
Herr hat Ihr Gebet erhört. Sie wissen: Er 
ist da, und Sie haben endlich einen Weg 
gefunden, wie Sie ihn zu sich reden 
lassen können. Wer den Geist verspürt, 
macht eine bedeutende Erfahrung. 
Ich bezeuge: Der Herr ist im Himmel. 
Ich weiß, daß er uns zuhört und uns 
antwortet. Ich weiß auch, daß wir bereit 
sein müssen, ihn zu hören. Ohne Beten 
erkennen wir unseren himmlischen Va- 
ter und seinen Sohn, den Erretter, nie. 
Ohne Beten können wir nicht zu ihm 
zurückkehren. D 



14 



Wir wollen 


darüber 


sprechen 


Nachdem Sie - allein oder die ganze 


Familie - den Artikel ,,Bete - und gib 


nicht auf" gelesen haben, werden Sie vielleicht beim nächsten gemeinsamen 


Evangeliumsstudium die folgenden Fragen besprechen wollen : 


1. Was mag den Herrn dazu 


4. Der Verfasser spricht von 


bewogen haben, zuzulassen, daß 


seiner Erfahrung mit unmittelbarer 


seine Kinder Prüfungen, 


und nicht so unmittelbarer Antwort 


Enttäuschungen und Frustrationen 


aufs Gebet. Fällt Ihnen ein eigenes 


ausgesetzt sind? 


Erlebnis ein, wo die Antwort aufs 




Gebet sofort erfolgt ist? Oder wo 


2. Der Verfasser sagt: „Wenn 


die Antwort erst später gekommen 


wir durchs Leben gehen, errichten 


ist? 


wir zwischen uns und dem Herrn 




oftmals eine Mauer." Welches sind 


5. Der Verfasser spricht von 


- Ihrer Erfahrung nach - die 


zwei grundlegenden Faktoren, 


schwierigsten Hindernisse in bezug 


wenn man um eine bestimmte 


auf wirksame Kommunikation mit 


Segnung betet. Welche sind das, 


dem Herrn? 


und warum sind sie so wichtig? 


3. Was hat Unfreundlichkeit 


6. Es gibt viele Möglichkeiten, 


oder mangelnde Vergebung oder 


das Beten zu einem bedeutsameren 


üble Nachrede mit der 


und wirkungsvolleren Erlebnis zu 


Wirksamkeit des Betens zu tun? 


machen. Sprechen Sie über die 




Schritte, die vom Verfasser 




aufgeführt werden und die Ihnen 




und Ihrer Familie helfen können, 




durch das Beten eine engere 




Beziehung zum Herrn herzustellen. 



15 



Die Liebe 
eines großen Bruders 



D. Brent Collette 



Nie habe ich in meinem Leben eine 
tiefere Freude empfunden als da- 
mals, als meine Familie in geistiger 
Einigkeit den Herrn um meinetwillen 
um Hilfe bat und mir während einer 
außerordentlich schwierigen Zeit zur 
Seite stand. Ich habe durch Erfahrung 
gelernt, warum der Herr uns in einer 
Familie leben läßt. Die Familie ist etwas 
Heiliges. 

Als ich 15 war, zog ich mir ein Nierenlei- 
den zu, und während der darauffolgen- 
den Jahre verschlechterte sich mein 
Zustand immer mehr, bis die Lage 
kritisch wurde. Trotz bester medizini- 
scher Versorgung wurden durch das 
Leiden schließlich beide Nieren zer- 
stört. 

Im Januar 1968 wurde ich in die Univer- 
sitätsklinik von Washington aufgenom- 
men. Meine Eltern wurden geholt, und 
man teilte ihnen mit, mein Zustand sei so 
schlecht, daß ich die Nacht vielleicht 
nicht überleben würde. 
Mein Vater und ein guter Freund gaben 
mir einen Krankensegen. Dann nahm 
meine Mutter meinen patriarchalischen 
Segen aus der Tasche und las einige 
Absätze vor. Danach gab sie Zeugnis 
und reichte mir die Niederschrift. „Du 
hast noch eine große Aufgabe zu erfül- 



len", sagte sie ruhig, „und der Herr 
möchte dir helfen. Aber du mußt auch 
deinen Teil tun, Brent." Sie beugte sich 
über mich und gab mir einen Gutenacht- 
kuß. 

Auch mein Vater gab Zeugnis, drückte 
mir die Hand und klopfte mir dann 
leicht auf die Brust. „Gute Nacht", sagte 
er. „Bis zum Morgen." Dann war ich 
allein in der einsamen Stille des Kran- 
kenzimmers - allein mit meinen Ge- 
danken, Erinnerungen und meinem pa- 
triarchalischen Segen. 
Als ich an die Ermahnung meiner Mut- 
ter dachte, fing ich an, eine wirkliche 
Verbindung zum Vater im Himmel zu 
suchen - das hatte ich noch nie zuvor 
getan. Als ich betete, empfand ich zuerst 
Bitterkeit - Bitterkeit über ein Leben, 
das nicht war, was es hätte sein können. 
Als ich aber weiter betete, schwand 
dieses Gefühl und mir war, als würde 
eine riesige Last von mir genommen. Ich 
war wieder innerlich ruhig, fühlte mich 
getröstet und war sicher, daß meine 
Gebete erhört würden. Im Herzen wußte 
ich: Alles würde gut ausgehen. 
Erst nach zwei Wochen hatte ich genü- 
gend Kraft gesammelt, um die Klinik 
verlassen zu können, und es vergingen 
sieben Monate, bevor ich mit einer 



16 



künstlichen Niere behandelt wurde. Die- 
se Zeit blieb nicht ungenützt, denn ich 
hatte den Entschluß gefaßt, wirklich 
herauszufinden, was es mit dem Evange- 
lium Jesu Christi auf sich hatte. 
Als erstes machte ich mich daran, das 
Buch Mormon zu lesen. Ich saß stun- 
denlang über dieser heiligen Schrift und 
gewann ein Zeugnis davon, daß dieses 
Buch der Wahrheit entsprach. Ich lernte 
es lieben. Das Leben nahm nun Bedeu- 
tung an, so, als ginge ein Licht an, und 
als könnte ich plötzlich sehen und ver- 
stehen wie nie zuvor. Ich war erbaut, 
erleuchtet, lernte dazu und fühlte mich 
geistig belebt. Wenn ich heute zurück- 
blicke, erscheint mir diese Zeit vielleicht 
als die wichtigste meines Lebens. 
Damals begann man gerade erst mit der 
Entwicklung künstlicher Nieren, und 
die hohen Behandlungskosten und die 
mangelnden Einrichtungen machten 
eine Behandlung nur für einige wenige 
möglich. Das Personal der Nierensta- 
tion entschied, wer behandelt wurde und 
wer nicht. Als ich mich an die Klinik 
wandte, schien mein Ansuchen kaum 
berechtigt. Schließlich war ich ledig, 
hatte keine Kinder, für die ich aufkom- 
men mußte, kein nennenswertes Ein- 
kommen und kein Vermögen. Eins hatte 
ich jedoch- eine gute Familie. Die Leute 
in der Klinik nahmen an, daß immer 
jemand da sein würde, um mich zu 
pflegen, - eben, weil ich eine so besorgte 
und gute Familie hatte. Dadurch war ich 
ein geeigneter Kandidat für eine neue 
künstliche Niere, die der Patient im 
Haus haben konnte und mit der gerade 
experimentiert wurde. Vielleicht kam ich 
eines Tages sogar für eine Nierentrans- 
plantation in Frage. 
Während der drei Jahre, in denen ich die 
künstliche Niere benützte, lernte ich viel. 



Mein Glaube an den Herrn wuchs, als 
ich miterlebte, wie der Herr mein Leben 
beeinflußte. Ich fühlte mich meiner Fa- 
milie nahe, und ich liebte das Leben wie 
nie zuvor. Ich hatte mich nie so frei und 
glücklich gefühlt. Trotzdem sehnte ich 
mich danach, die künstliche Niere los zu 
sein. 

Wie viele andere Ziele wurde auch dieses 
zu einem Familienprojekt. Bei Familien- 
abenden und anderen Gelegenheiten 
sprachen wir oft über eine Alternative 
zur künstlichen Niere und darüber, ob 
eine Transplantation sinnvoll sei. 
Ich erinnere mich noch an eine bestimm- 
te Woche, wo die ganze Familie nach 
längerer Trennung beisammen war. Da 
mehrere aus der Familie auf Mission 
gewesen waren, andere geheiratet oder 
irgendwo studiert hatten, waren wir 
mehrere Jahre in der Welt verstreut 
gewesen. 1970 brachte uns das Weih- 
nachtsfest wie ein Magnet wieder zu- 
sammen. 

Während dieser Woche redeten wir viel 
über meinen Gesundheitszustand. Wir 
hatten alle über die Möglichkeit einer 
Transplantation Erkundigungen einge- 
zogen, und jeder in der Familie hatte 
sich persönlich bereit erklärt, mir eine 
Niere zu spenden. 

Als ich eines Nachmittags mit meinen 
Brüdern Basketball spielte, hielt ich ein 
wenig inne und sah ihnen beim Spielen 
zu. Sie waren alle gute Sportler. Craig 
war in der olympischen Schwimmann- 
schaft mitgeschwommen. Jetzt war er 
verheiratet und hatte eine Familie. Barry 
hatte in der Staatsliga Football gespielt 
und war ein guter Schifahrer. Kevin war 
einer der besten Basketballspieler seines 
Alters im ganzen Bundesstaat. 
„Ich danke euch", dachte ich, indem 
sich meine Augen mit Tränen füllten. 



17 



„Ich liebe euch alle für das, was ihr gern 

tun würdet, aber mir ist, als wäre es nicht 

recht." 

Als Weihnachten vorüber war, ging 

Barry zurück an die Brigham-Young- 

Universität. Craig kehrte mit den Seinen 

nach Kalifornien zurück. Ich selbst 



beschäftigte mich eifrig mit Missionsar- 
beit, und alles nahm wieder seinen 
gewohnten Lauf. 

Dann geschah eines Abends beim Fami- 
liengebet etwas Wunderbares und Uner- 
wartetes. Mein Vater sprach das Gebet, 
und als das Gebet zu Ende war, wußten 




18 



wir plötzlich alle, was geschehen würde. 
Mit Tränen in den Augen sagten wir 
einander, was wir empfanden. Jeder 
hatte dasselbe gespürt: Wir sollten die 
Transplantation vollziehen lassen. 
Zurückblickend glaube ich, daß diese 
Entscheidung von allen Wundern viel- 
leicht das größte war. Sie hatte nichts 
mit logischen Argumenten und der per- 
sönlichen Meinung der einzelnen zu tun. 
Wir wußten: Der Geist hatte uns Wei- 
sung gegeben. 

Am selben Abend führte ich ein Fernge- 
spräch mit meinem Bruder Barry in 
Provo und sprach mit ihm über die 
Transplantation. Ich erklärte ihm, wel- 
che Antwort wir erhalten hatten und bat 
ihn, er solle darüber beten. Doch Barry 
stimmte sofort zu und sagte, er hätte 
schon so oft in dieser Sache gebetet und 
nur auf meinen Anruf gewartet. Ich 
sagte ihm, wir könnten bis Juni warten, 
doch er brach das Semester am nächsten 
Tag ab und kam nach Hause. 
Als Barry jedoch kam, stellten die Chi- 
rurgen fest, daß er während seiner 
Mission in Mexiko eine Immunität ge- 
gen die Papageienkrankheit entwickelt 
hatte, und man fürchtete eine nachteilige 
Reaktion auf die Medikamente, die 
nach der Transplantation notwendig 
waren. Zu Barrys großer Enttäuschung 
sagte man ihm, seine Niere könne nicht 
verpflanzt werden. 

Etwa zwei Wochen später hatten wir 
wieder einen ganz besonderen Familien- 
abend. Wieder hatten wir das Gefühl, 
wir sollten die Transplantation vorneh- 
men lassen. Wieder ging ich ans Tele- 
fon und rief einen meiner Brüder an. 
Diesmal war es Craig. Auch er war 
bereit. 

Es dauerte keine Woche, bis Craig, seine 
Frau Penny und ihr einjähriger Sohn 



Jason aus Kalifornien geflogen kamen. 
Am selben Nachmittag meldete ich mich 
in der Klinik, und Craig wurde am 
darauffolgenden Tag aufgenommen. 
Freunde unserer Familie brachten unse- 
re Namen in sechs Tempel, von London 
bis Los Angeles. 

Am Abend vor der Operation hielten wir 
im Krankenhauszimmer einen Fami- 
lienabend ab. Da sagte ich zu meinen 
Angehörigen, das Risiko und das Opfer 
sei für meinen Bruder zu groß. Doch 
Vater blickte mich ruhig an, legte mir die 
Hand auf die Schulter und sagte: „Wir 
haben alle das Gefühl, daß es der Wille 
des Herrn ist, und dein Bruder ist stolz, 
daß er dir helfen kann. Denk daran 
Brent: Wir werden dich wieder über den 
Rasen rennen und lachen sehen." 
Die Operation begann am nächsten 
Morgen um 6 Uhr. Die Schwester gab 
mir ein Beruhigungsmittel. Als der Tag 
vorüber war, öffnete ich wieder die 
Augen und sah über mir die Gesichter 
meiner Eltern. Ich lag wieder in meinem 
Zimmer und wußte, alles war in Ord- 
nung. 

Ich erinnere mich, daß ich an jenem 
Abend noch andere Angehörige sah. 
Aber Craig konnte ich nirgends ent- 
decken. „Wie geht's Craig? Wo ist mein 
Bruder?" fragte ich. 
Eine vertraute Hand legte sich auf meine 
Schulter, und ich hörte Mutters Stimme 
sagen: „Brent, Craig geht es gut, und 
deine neue Niere ist auch in Ordnung." 
Damit schlief ich ein. „Danke, Vater im 
Himmel. Danke, Craig. Danke, ihr Lie- 
ben." 

Während der ersten Tage nach der 
Transplantation verriet mir der besorgte 
Gesichtsausdruck meiner Eltern und 
Brüder, daß irgend etwas nicht stimme. 
Craig ging es nicht gut. Am dritten Tag 



19 



war ich sicher, er sei gestorben und 
niemand wolle es mir sagen. In Wirklich- 
keit war er nicht gestorben, doch es ging 
ihm sehr schlecht, und er erholte sich nur 
sehr langsam von der Operation. 

Am Nachmittag des dritten Tages 
brachten mein Vater und ein Bruder 
Craig zu mir. Er war gelb wie eine reife 
Banane. Mit einem gezwungenen Lä- 
cheln auf dem Gesicht sagte er: „Wie 
geht's dir, Bruder?" Ich sah, was für 
Schmerzen er hatte und was für ein 
Opfer er gebracht hatte, und in die- 
sem Moment wußte ich, was Liebe ist 
und was es bedeutet, eine Familie zu 
haben. 

Zwei Tage später ergab die Diagnose, 
daß mein Körper die neue Niere nicht 
annahm. Es hatte den Anschein, alles sei 
vergeblich gewesen. Die Ärzte griffen zu 
drastischen Maßnahmen, doch ohne 
Erfolg. Da zeigte sich, daß die größte 
Hilfe das Gebet war. Nie werde ich die 
Abende vergessen, an denen die ganze 
Familie um mein Bett kniete und jeder 
einzelne zum Vater im Himmel betete. 

Ich hörte meine Brüder weinen und 
beten, daß ich überleben möge. Dann 
reichten wir uns schweigend die Hände - 
keiner brachte ein Wort heraus - um uns 
auf diese Weise gute Nacht zu sagen. Es 



waren auch in der Tat gute Nächte, denn 
wir alle verspürten die reine Liebe Chri- 
sti. 

Die Schwierigkeiten mit meiner Niere 
wurden schließlich bewältigt, und auch 
Craig wurde bald wieder gesund und 
kam zu Kräften. Meine Ärzte sagen 
heute, ich sei einer der gesündesten 
Nierenempfänger in der Geschichte der 
Medizin. Ich habe eine liebe Frau, zwei 
Söhne und eine Tochter. Craig hat drei 
Kinder und führt ein normales Leben 
mitten unter Leuten, die heute noch 
nicht wissen, weshalb er damals so 
überstürzt nach Seattle geflogen ist. 
Ich kann bezeugen: Nichts auf Erden 
vermag einem tieferes Glück zu schen- 
ken, als wenn sich die Familie im Geist 
vereint und die Hilfe und den Trost des 
Herrn sucht. Ich bin überwältigt von der 
Liebe, die mir entgegengebracht wurde. 
Wenn ich an meine Familie denke, 
denke ich an den Herrn - er ist das 
eigentliche Oberhaupt unserer Evange- 
liumsfamilie. Ich denke an seine Liebe 
und seine Bereitschaft, sich für uns zu 
opfern. Und ich glaube, ich habe ein 
besonderes Zeugnis von der Sühne Chri- 
sti gewonnen und weiß sie besonders zu 
schätzen, denn ich weiß, was die Liebe 
und das Opfer eines großen Bruders 
bedeuten kann. D 








20 



WARNUNG 
IN DER NACHT 



Isabelle Hanson 




Es war eine heiße Sommernacht im 
August. Mein Mann und die sechs 
Kinder waren im Auto eingeschlafen, 
und ich hatte kurz nach Rock Springs 
(Wyoming) das Steuer übernommen, 
damit mein Mann sich ausruhen konnte. 
Bis Mitternacht könnten wir bei seinen 
Eltern sein, hatte er gesagt, darum sei es 
besser weiterzufahren. Wir waren von 
St. Louis nach Idaho unterwegs. 
Kurz nachdem ich die Abzweigung nach 
Bear Lake genommen hatte, kam ich an 
eine Umleitung und mußte rechter Hand 
auf eine Schotterstraße abfahren. Ich 
fuhr eine ganze Weile dahin und dachte, 
ich würde wohl bald ein weiteres Schild 
sehen, das den Weg zurück auf die 
Asphaltstraße wies. Doch die Straße 
wurde immer schlechter, und plötzlich 
sagte mir aus der Stille eine Stimme: 
„Stopp!" 



Ich stieg auf die Bremse, und da ich sehr 
langsam gefahren war, konnte ich sofort 
anhalten. Sieben verschlafene Gesichter 
fuhren in die Höhe und fragten, was los 
sei: „Wo sind wir? Warum bleiben wir 
hier stehen?" 

Ich konnte nur antworten: „Eine Stim- 
me hat mir geboten, ich solle stehenblei- 
ben. Irgend etwas stimmt nicht." Mein 
Mann holte die Taschenlampe und stieg 
aus - der Wagen stand mit den Vorder- 
rädern an der Kante eines Kanals. 
Mir schlotterten die Knie, und so setzte 
sich wieder mein Mann ans Steuer, und 
unser ältester Sohn sagte ihm den Weg 
zurück an. Bei der Rückfahrt entdeckten 
wir ein kleines Schild, das auf die 
Hauptstraße zurückwies so klein, daß 
ich es in der Dunkelheit übersehen hatte. 
Wir neigten alle acht das Haupt und 
sprachen ein Dankgebet. D 



21 



ICH HABE EINE FRAGE 

Die Antworten sollen Hilfe und Ausblick geben, sind aber nicht als 
offiziell verkündete Lehre der Kirche zu betrachten. 







Dale F. Pearson ist an der Brigham- Young- 
Universität tätig und Bischof der Gemeinde 
Pleasant View 4 in Provo (Utah). 



Ich glaube, ich habe alles getan, 
was ich kann, um von einer 
Übertretung umzukehren, aber 
ich fühle mich immer noch 
schuldig. Was kann ich noch 
tun? 



Wahrscheinlich kann Ihnen nur Ihr 
Bischof feststellen helfen, ob Sie wirk- 
lich alles getan haben, was für die 
Umkehr von einer bestimmten Über- 
tretung notwendig ist. Die Frage des 
Schuldgefühls ist nicht immer einfach. 
Schuldgefühle können ein gutes 
Zeichen sein, wenn sie uns daran 
erinnern, daß wir gesündigt haben und 
nach dem vom Herrn vorgezeichneten 
Plan umkehren müssen. Schuldgefühle 
nach ehrlicher Umkehr können jedoch 
eine schädliche Wirkung haben und 
manche Menschen halten sich viel 
länger für schuldig als vernünftig 
wäre. Manche halten sich auch für 
schuldig, obwohl sie gar nichts getan 
haben, dessen sie sich schuldig fühlen 
müßten. 

Ich habe Leute beraten, die unter dem 
erstgenannten Problem litten - das 
heißt, ihre Schuldgefühle ließen sie 
nicht los, obwohl sie von einer be- 
stimmten Übertretung umgekehrt 
waren -, und gewöhnlich hatten sie 
zugleich eine zweite Schwierigkeit: Ihre 
Selbstachtung war sehr gering. Sie 
hatten das Gefühl, daß sie ihr Leben 
nicht meistern könnten, weil sie wert- 
lose Menschen seien. Ich kannte eine 
Frau, die zum Beispiel einen erfolg- 
losen Selbstmordversuch unternahm, 
weil sie sich monatelang hoffnungslos 



22 



einsam und von ihrer Familie aus- 
geschlossen fühlte. Die Schuld dafür 
gab sie sich selbst. („Wäre ich eine 
bessere Mutter, so stünden wir uns als 
Familie näher.") Nach ihrem Selbst- 
mordversuch machte sie sich andere 
Vorwürfe. („Wie konnte ich nur eine 
so schreckliche Sünde begehen?") 
Obwohl ihr Mann, der Bischof und 
der Pfahlpräsident sich fortwährend 
und liebevoll um sie bemühten und ihr 
versicherten, daß der Herr sie liebe, 
hielt sie an ihren Schuldgefühlen fest 
und meinte, sie sei nicht würdig, Ver- 
gebung zu erlangen. In einem gewissen 
Sinn wurden diese Schuldgefühle sogar 
zu ihrem Lebenszweck - sie konnte 
auf diese Weise weiterhin den „wert- 
losen" Menschen bestrafen, zu dem sie 
geworden war. 

Die zweite Form schädlicher Schuld- 
gefühle - Schuld ohne eigentlichen 
Grund - läßt sich oft auf dieselbe 
Ursache zurückführen: geringe Selbst- 
achtung, die davon herrührt, daß der 
Betreffende sich außerstande sieht, 
sein Leben selbst in die Hand zu 
nehmen. Einmal habe ich einen sol- 
chen Mann beraten - es handelte sich 
um einen 45jährigen erfolgreichen 
Geschäftsmann, der eigentlich lieber 
mit Kinder gearbeitet hätte. Er hatte 
aber das Gefühl, daß er seiner Familie 
den veränderten Lebensstandard, den 
ein solcher Berufswechsel mit sich 
gebracht hätte, nicht zumuten könne. 
Er drückte sich vor seiner Arbeit, wo 
er nur konnte, weil sie ihm keine 
Freude machte, zugleich aber mied er 
seine Familie. Diese lähmende Passi- 
vität an zwei Fronten rief in ihm 
Schuldgefühle hervor. 
Die Lösung war für die Schwester wie 
für den Bruder im Grunde genommen 



dieselbe. Sie fingen an, Pläne zu 
machen, und sie setzten sie in die Tat 
um. Als sie sahen, daß sie Ent- 
scheidungen treffen konnten, stieg ihr 
Selbstbewußtsein, die Schuldgefühle 
verflogen, und sie konnten die eigene 
Schuld in der rechten Perspektive 
sehen. 

Wenn jemand lange nach seiner 
Umkehr immer noch Schuldgefühle 
hat, kann er sich folgende Fragen 
stellen: 

1. Habe ich alle Schritte der Umkehr 
vollzogen? (Erkennen, Reue, Be- 
kennen, falls notwendig, Wiedergut- 
machen usw.) 

2. Habe ich zum Herrn gebetet, daß 
er mir vergeben möge? 

3. Habe ich den Herrn meine Last 
von mir nehmen lassen? Dazu muß ich 
darauf vertrauen, daß er dazu 
imstande ist und daß er mich liebt. 

4. Habe ich mir selbst für meine 
Übertretung ganz vergeben? 

Wenn jemand Schuldgefühle hat, 
obwohl er nichts Falsches getan hat, 
kann er sich fragen: 

1. Neige ich dazu, schwarz-weiß zu 
sehen - eine Sache entweder als ganz 
schlecht oder als völlig gut zu be- 
trachten anstatt als Zusammensetzung 
von beidem? Muß ich mich um mehr 
Ausgewogenheit bemühen? 

2. Habe ich eine nahe Beziehung zu 
meiner Familie? Habe ich gute 
Freunde, mit denen ich gern zu- 
sammen bin? 

3. Mag ich mich selbst? 

4. Habe ich das Gefühl, daß der Herr 
mich wirklich liebt? 

5. Warum „brauche" ich Schuld- 
gefühle? 



23 



Wenn man diese Fragen ehrlich beant- 
wortet, kann man bestimmte Bereiche 
eingrenzen, wo man aufrichtig, über- 
legt und mit Gebet an sich arbeiten 
muß. Oft hilft es, wenn man mit 
einem vertrauten Freund oder einem 
Führer der Kirche über derlei spricht, 
und gelegentlich kann einem auch der 
Rat eines Berufspsychologen helfen. 



Schuldgefühle sind normal. Sie sind 
ein Warnzeichen, wenn man eine 
Übertretung begangen hat und 
umkehren muß. Unvernünftige 
Schuldgefühle aber, die keine Ursache 
haben oder nach vollzogener Umkehr 
andauern, können unsere Beziehung 
zum Vater im Himmel, der uns ja 
liebt, untergraben. D 




Sharon und Wayne Dequer, Eltern von drei 
Kindern, aus der Gemeinde Monrovia, im 
Pfahl Arcadia in Kalifornien. 



Der Sonntag ist für unsere 
kleinen Kinder sehr lang und 
langweilig. Was können wir tun, 
damit der Sonntag für uns zu 
einem frohen Tag wird? 



Der Herr lehrt uns ganz deutlich, daß 
wir am Sonntag zwischen unserem 
Wunsch zu faulenzen und unseren 
echten geistigen und körperlichen 
Bedürfnissen unterscheiden sollen. 
Kleine Kinder sind einfach aktiv, und 
diesem Bedürfnis müssen wir bei 
unserer Sonntagsplanung Rechnung 
tragen. Statt zu fragen: „Sollen sie am 
Sonntag aktiv sein?" fragen wir wohl 
besser: „Wie sollen sie am Sonntag 
aktiv sein?" 

Wir möchten, daß unsere Kinder 
lernen: Der Sonntag ist der Tag, an 
dem wir etwas anderes tun können als 
das, was wir die ganze Woche tun. 
Die Kinder sehen bald ein, daß Vater 
sonntags nicht zur Arbeit geht oder 
den Rasen mäht, daß Mutter nicht 
einkaufen geht, daß sie nicht putzt 
oder Plätzchen backt - wir tun etwas 
anderes, ruhigeres. Was können wir 
nun tun, damit der Tag auch für 
unsere Kinder zu einem anderen Tag 
wird? 

Zunächst einmal reservieren wir den 
Sonntag ganz für unsere eigene 
Familie. Die Kinder spielen nicht 
draußen mit ihren Freunden und 
sehen auch nicht fern. Jetzt kommt es 



24 



darauf an, daß Vater und Mutter den 
Tag interessant und froh gestalten. 
Dazu konzentrieren wir uns nicht so 
sehr auf das, was wir nicht dürfen, 
sondern wir bringen unseren Kindern 
lieber bei, daß sie die Frage stellen - 
und beantworten: „Paßt es zum 
Sonntag?" 

Diese Fragestellung regt uns dazu an, 
daß wir lesen und malen, singen und 
musizieren. Nun paßt das alles sehr 
wohl zum Sonntag, doch füllt es den 
Tag nicht so recht aus. Also haben wir 
nach weiteren Ideen Ausschau 
gehalten: Wir helfen unseren Kindern, 
einen Brief zu schreiben, oder wir 
dienen ihnen als Schreiber für ihr 
Tagebuch, da sie ja selbst noch nicht 
schreiben können. Oder wir unter- 
halten uns einfach miteinander und 
tauschen Gedanken und Ideen aus. 
Auch ruhiges, kreatives Spiel paßt gut 
zum Sonntag. Die Frage, ob es zum 
Sonntag paßt, läßt sich gewöhnlich 
beantworten, indem wir überlegen, 
wieviel Vorbereitung und anschließen- 
des Aufräumen dazu erforderlich sind. 
Außerdem spielen wir Spiele, die wir 
normalerweise nicht mit unseren 
Freunden und Bekannten spielen. Wir 
haben beispielsweise entschieden, daß 
es nicht zum Sonntag paßt, wenn wir 
im Dreck spielen, daß aber mit 
Klötzen bauen und andere Bau- und 
Zusammensetzspiele durchaus an- 
gebracht sind. Außerdem können wir 
sie mit dem Evangelium in Ver- 
bindung bringen. Wenn wir beispiels- 
weise die Geschichte von Noach und 
der Arche oder von Lehis Reise in die 
Neue Welt lesen, können wir an- 
schließend die Kinder ein Schiff bauen 
lassen, wie sie es sich vorstellen. 
Der Schlüssel dazu, daß unsere Kinder 



am Sonntag Freude haben, liegt wohl 
darin, daß wir unsere Zeit gemeinsam 
verbringen. Gewiß gibt es für uns am 
Sonntag noch manch anderes zu tun, 
doch wenn wir hier und da eine halbe 
Stunde sinnvoll mit unseren Kindern 
verbringen, können wir schon viel 
erreichen. Viele Familien gehen den 
Weg zur Kirche wenigstens ein Stück 
zu Fuß, und sie haben die Erfahrung 
gemacht, daß dies den Kindern sehr 
hilft, in der Versammlung stillzusitzen. 
Wir bemühen uns auch ganz 
besonders, unseren Kindern den 
Gottesdienst wirklich nahezubringen. 
Auch hier erweist sich die Frage 
danach, was zu diesem Anlaß paßt, als 
sehr nützlich. Für die ganz Kleinen 
sind stilles Spielzeug und Malbücher 
sehr wertvoll, aber dabei müssen wir 
natürlich gut aufpassen, da die 
Kinder, die in der Nähe sitzen, und 
sogar Erwachsene sich dadurch leicht 
ablenken lassen. Wir freuen uns 
immer, wenn wir ein Buch finden, das 
evangeliumsbezogen ist. Solche Bücher 
verwenden wir nur in der Kirche und 
bei anderen besonderen Gelegenheiten. 
Das Kind lernt dann bald, daß das 
Buch anders ist als seine übrigen 
Bücher und wird hoffentlich auch 
Kirche und Andacht damit in 
Zusammenhang bringen. 
Wir müssen mit dieser Erziehung 
schon sehr früh anfangen. Ein 
Kleinkind zieht vielleicht nur sehr 
kurz mit, deshalb spornen wir es etwa 
so an: „Wenn du dann groß genug 
bist, um mit uns allen in der 
Versammlung zu bleiben. . ." 
Es kommt natürlich gelegentlich vor, 
daß wir mit einem oder mehreren 
Kindern aus der Versammlung gehen 
müssen. Dann finden wir es wichtig, 



25 



daß wir das Kind dazu anhalten, daß 
es sich auch draußen so verhält wie in 
der Versammlung - es muß stillsitzen 
und ruhig sein. Sonst empfindet es das 
Verlassen der Versammlung noch als 
Belohnung für sein schlechtes 
Betragen. Wir glauben auch, daß 
Strafandrohungen dazu führen 
können, daß unsere Kinder nicht mehr 
gern zur Kirche gehen, deshalb richten 
wir es möglichst so ein, daß sie das 
Getrenntsein von der übrigen Familie 
als wenig wünschenswerte Alternative 
sehen. 

Wenn die Kinder dann lernen, länger 
in der Versammlung zu bleiben und 
mit dem Malen und Spielen bis nach 
dem Abendmahl zu warten, bemühen 
wir Eltern uns ernsthaft darum, ihnen 
den Sinn der Versammlung näher- 
zubringen. Dazu haben wir ver- 
schiedene Methoden. 
Wir regen auch die ganz Kleinen 
schon an, aktiv mitzusingen. Wir 
singen gemeinsam aus einem Buch, 
wobei wir die Kinder das Buch halten 
lassen, und weisen während des 
Singens immer wieder darauf hin, wo 
wir gerade sind. Die bekannteren 
Kirchenlieder üben wir schon zu 
Hause. Ein paar Lieder, zum Beispiel 
„Kommt, ihr Kinder Gottes" und 
„Meister, es toben die Winde" 
gehören zu unseren Favoriten, und 
unsere Kinder singen dann in der 
Versammlung besonders gern mit. 
Manche Eltern erkundigen sich auch 
schon im voraus, welche Lieder am 
Sonntag gesungen werden, und üben 
diese dann mit ihren Kindern. 
Es ist auch sehr hilfreich, daß wir 
unsere Kinder während der 
Abendmahlsversammlung aktiv 
„mitmachen" lassen, wo sie können - 



bei Beamtenbestätigungen und -ent- 
lassungen etwa und ganz besonders 
beim Abendmahl. Manche Gemeinden 
haben regelmäßig eine Ansprache für 
die Kinder, wodurch die Kinder die 
Versammlung natürlich noch mehr 
schätzen lernen. 

Es ist auch gut, wenn man sich im 
Anschluß an die Versammlung dar- 
über unterhält, was die Sprecher 
gesagt haben, doch ist es dann 
meistens zu spät. Deshalb flüstern wir 
den Kindern während den Ansprachen 
ab und zu einen kurzen Kommentar 
ins Ohr, damit sie besser mitkommen. 
(Jegliche andere Unterhaltung wird 
entschieden verweigert.) Hier finden 
die Evangeliumsgeschichten, die wir 
den Kindern erzählt haben, 
Anwendung, und sie finden im Gottes- 
dienst auch etwas, was sie anspricht. 
So werden sie allmählich auch fähig, 
ohne die Malbücher und andere 
Ablenkung auszukommen. 
Wenn wir uns überlegen, was wir am 
Sonntag mit unseren Kindern machen 
wollen, dürfen wir nicht vergessen, wie 
sehr der Herr die Kinder liebt. Er hat 
gesagt, wir müßten werden wie die 
Kinder, um das Himmelreich zu 
ererben. Hat er die kindlichen 
Merkmale wie überströmende Energie, 
Neugier und Begeisterung bloß 
geduldet, oder hat er sie als göttliche 
Eigenschaften betrachtet, die es zu 
hegen und zu pflegen gilt? Wenn wir 
uns seine Perspektive zu eigen 
machen, können wir uns die rechten 
Ziele setzen und unsere Zeit auf die 
rechte Weise verbringen und unseren 
Kindern dadurch helfen, am Sonntag 
Freude zu haben. D 



26 



DER FREUND 12/81 




WEIHNACHTS- 
ERINNERUNGEN 
EINES 
PROPHETEN 



Wir feiern die Geburt des Erret- 
ters im Dezember. Im selben 
Monat, am 23. Dezember 1805, 
wurde auch der Prophet Joseph 
Smith geboren. In seinem Tagebuch 
finden sich Erinnerungen an mehre- 



re Weihnachtsfeste, als er bereits 
Prophet und Präsident der Kirche 
war. 

1835 Den ganzen Tag mit meiner 
Familie genossen, da es Weih- 




nachten ist. Seit langem nicht mehr 
eine so schöne Zeit gehabt. 

1 838 Mein Bruder Don Carlos und 
mein Vetter George A. Smith 
sind heimgekommen. [Sie waren in 
Kentucky und Tennessee auf Mis- 
sion.] Sie sind 2400 km gereist, 1 400 
davon zu Fuß, den Rest mit dem 
Dampfer und auf andere Weise. Sie 
haben mehrere Zweige besucht. Fast 
zu Hause angekommen, wurden sie 
erkannt und von einem Pöbel ver- 
folgt, wodurch sie gezwungen wa- 
ren, in zwei Tagen und Nächten 160 
Kilometer zurückzulegen. Sie hatten 
kaum zu essen und wären in beiden 
Nächten fast erfroren. 

1841 Es war Weihnachten und 

Brigham Young, Heber C. 

Kimball, Orson Pratt, Wilford 



Woodruff, John Taylor und ihre 
Frauen sowie Willard Richards ha- 
ben den Abend bei Hiram Kimball 
verbracht. Nach dem Essen gab Mr. 
Kimball jedem der Zwölf Apostel 
ein Stück Land an der Westseite 
seiner zweiten Erweiterung Nau- 
voos. 

1843 Heute morgen wurde ich ge- 
gen ein Uhr von einer Schwe- 
ster aus England und ihren Kindern 
geweckt, die das Lied „Mortals, 
awake, with Angels join" usw. san- 
gen, was mir große Freude bereitete. 
Meine ganze Familie und alle Gäste 
standen auf, um den Gesang anzu- 
hören, und ich hatte das Bedürfnis, 
dem himmlischen Vater für ihren 
Besuch zu danken, und ich segnete 
sie im Namen des Herrn . . . Um 
zwei Uhr setzten sich etwa 50 Paare 
zum Essen an meinen Tisch. D 



MEERRETTICH 

ZU 

WEIHNACHTEN 




Ted Sheil 



1846 in Nauvoo machte Papa den 
besten Meerrettich der ganzen Ge- 
gend. Darüber waren sich sogar 
unsere Nachbarn einig, die nicht 
leicht in irgendeiner Sache eins wur- 
den. Wenn ich Meerrettich rieche, 
denke ich immer an Papa und meine 
Heimat in Illinois. 
Als die Schüsse fielen und unsere 



Scheune abbrannte, sammelte Papa 
uns alle um sich. Mit ruhigen und 
ermutigenden Worten sagte er, wir 
sollten immer daran denken, daß der 
himmlische Vater uns beschützen 
und führen würde. Der Flam- 
menschein hinter uns erleuchtete 
uns den Weg durch die Nacht, als 
wir flüchteten. 




Unsere Familie schloß sich an die- 
sem Abend mit vielen anderen Heili- 
gen zusammen, und wir machten 
uns mit unseren Habseligkeiten auf 
dem Rücken auf den Weg. Als wir 
nach ein paar hundert Kilometern 
Council Bluffs in Idaho erreichten, 
waren wir zwar erschöpft, aber im- 
mer noch guten Mutes. Allerdings 
waren viele wegen spärlichen Ratio- 
nen halb krank. 

Da wurde Papa ins Mormonenba- 
taillon berufen. Nach einer gebeter- 
füllten Nacht und Tanz und Unter- 
haltung am nächsten Tag marschier- 
ten die Männer fort. 
Die darauffolgenden Wochen und 
Monate waren schwer. Mutter, die 
kleine Amy, Ruth und ich schafften 
es mit der Hilfe ein paar guter 




Freunde irgendwie, über den mei- 
lenbreiten Missouri nach Winter- 
Quarters zu kommen. Wir zogen in 
eine Hütte mit einem Fußboden aus 
Lehm und einem Dach aus Graszie- 
geln. Einem Vergleich mit unserem 
schönen weißen Farmhaus zu Hause 
konnte diese Hütte freilich nicht 
standhalten. 

Das schlechte Essen, die vielen Stun- 
den schwerer Arbeit und besonders 
Papas Abwesenheit raubten einem 
leicht den Mut. Wenn aber Mamas 
müde Augen in die meinen blickten 
und sie dabei lächelte, fühlten wir 
uns beide aufgemuntert und sagten: 
„Im Frühling nach Westen!" Dann 
fing sie immer an, Papas liebste 
Schriftstellen zu zitieren, und bald 
sangen wir alle miteinander Kir- 
chenlieder. 

Eines Tages war ich auf der Jagd 
und verfolgte eine Fährte um die 
Ecke eines alten, verlassenen Forts, 
als mein Blick auf ein Büschel Blät- 
ter fiel. Ich blieb stehen, bückte mich 
- und zog einen riesigen Meerrettich 
aus der Erde. Ich zerquetschte die 
Wurzel, und der scharfe Geruch 
drang mir in die Nase, so daß mir die 
Tränen kamen. Ich dachte an Papa, 
der so weit weg war, und mußte mit 
den Tränen kämpfen. „Verflixter 
Rettich", murmelte ich. 
Dann kniete ich mich nieder und 
betete: „Bitte beschütze Papa und 
laß uns bald wieder zusammen sein. 
Bitte segne Mama. Sie wird jeden 
Tag schwächer. Und bitte hilf mir, 
damit ich unsere Familie sicher nach 
Westen führen kann." 
Ich sammelte soviel Rettich, wie ich 



tragen konnte, und machte mich mit 
der ersten Ladung auf den Heim- 
weg. 

Mama war bei einer Nachbarin, die 
Fleckfieber hatte, und half ihr. In- 
zwischen rieb ich den Meerrettich, 
wie Papa es mir gezeigt hatte. 
Als Mama hereinkam und den star- 
ken, vertrauten Geruch wahrnahm, 
leuchtete ihr Blick plötzlich auf. Sie 
blickte erwartungsvoll um sich und 
dachte einen Moment lang, Papa sei 
durch irgendein Wunder nach 
Hause gekommen. Dann aber brei- 
tete sich Enttäuschung auf ihrem 
Gesicht aus, und sie ließ sich auf die 
einfache Bettstatt fallen und weinte 
sich aus. 

An jenem Abend aßen wir keinen 
Rettich - er weckte zu sehr die 
Sehnsucht nach Papa. Beim Essen 
sagte keiner viel, und die Mädchen 
verstanden nicht, was los war, wenn 
Mama hin und wieder eine Träne 
beiseite wischte. 

Als ich am Morgen aufstand, hatte 
Mama den Rettich bereits in Ein- 
machgläser gefüllt. Wir wollten ihn 
aufheben, bis wir wieder mit Papa 
beisammen waren. 
Der Herbst ging in den Winter über, 
und ein eisiger Wind wehte den Fluß 
herab. Den Schnee trieb es schneller 
durch die Ritzen zwischen den 
Wandblöcken, als wir sie zustopfen 
konnten. Krankheit und Fieber 
suchten Winter-Quarters heim. Als 
der Frühling kam, waren auf den 
Hügeln 600 frische Gräber. Mei- 
stens waren es Kinder, die starben. 
Wir lebten von Wild und getrockne- 
ten Beeren. Auch Weizen, Milch 



und Eier teilten wir, wenn wir sie von 
anderen Heiligen bekamen. Da wir 
so spät im Jahr nach Winter-Quar- 
ters gekommen waren, hatte es keine 
Gemüseernte gegeben. Damals 
wußte es niemand, doch der Mangel 
an Gemüse und die schweren Bedin- 
gungen waren schuld daran, daß so 
viele Malaria und Fleckfieber beka- 
men. 

Der Schnee häufte sich zu Bergen, 
die der Wind dann wieder weiter- 
wehte. Die Temperaturen fielen weit 
unter Null. Während des Tages 
versuchten wir, einander zu trösten 
und aufzumuntern. Viele hatten 
durch Krankheit Kinder und andere 
Angehörige verloren. Wir beteten 
alle viel, und der Geist war so stark, 
daß wir sangen, „. . .alles wohl. . ." 
und wußten, es würde alles gutge- 
hen. 

Nachts, war es schwieriger. Mama, 
die Mädchen und ich knieten uns 
zum Beten nieder und krochen dann 
in die Betten. Nacht für Nacht lag 
ich wach auf der Matratze, die nach 
dem süßen Prärieheu duftete und 
horchte auf Mamas schweren Atem. 
Ich betete, daß wir es im Frühjahr 
irgendwie in den Westen schaffen 
würden. 

Seit dem Herbst redeten schon alle 
von Weihnachten, als sei Weihnach- 
ten ein Symbol für das Ende unseres 
schweren Schicksals. „Wenn wir's 
bis Weihnachten schaffen", hörte 
man sagen, „ist alles gewonnen." 
Doch ein, zwei Tage vor Weihnach- 
ten wurde Mama schwer krank und 
war so schwach, daß sie kaum 
aufstehen konnte. Mama hatte ver- 



sprochen, daß wir zu einem „richti- 
gen" Weihnachtsessen beitragen 
würden, was wir konnten. Jetzt 
machte sie sich Sorgen, daß sie beim 
Kochen nicht würde mithelfen kön- 
nen. 

Trotz meiner Gebete verlor ich im- 
mer mehr den Mut. Wir hatten seit 
Monaten nichts von Papa gehört. 
Viele unserer Freunde waren krank, 
und die Zahl der Gräber auf den 
Hügeln wuchs täglich. Ich erstarrte 
bei dem Gedanken, Mama könnte 
sterben und Papa wüßte nicht ein- 
mal davon. 

Am Weihnachtsabend ging ich hin- 
aus über die öde, gefrorene Erde und 
kniete mich nieder. Über mir klagte 
der Wind, und ich hörte die schwar- 
zen Zweige der Bäume im Wind 
aufeinanderstoßen. Kalte Tränen 
rannen mir übers Gesicht. 
„Wie oft muß ich noch beten?" 
fragte ich voll Schmerz. Plötzlich 
schämte ich mich. Mir fielen die 
Worte meines Vaters ein, als vor so 
langer Zeit unsere Welt in Flammen 
aufgegangen war. Da begann ich 
Demut zu empfinden und betete um 
mehr Glauben. 

Der Christtag war hell und klar. 
Nach der Abendmahlsversammlung 
wurde das Weihnachtsmahl auf lan- 
gen Tischen gedeckt. Alles wirkte 
sehr festlich, und es schmeckte herr- 
lich. Mama und ich waren beide 
beschämt, weil wir als einzige nichts 
zum Festmahl beigetragen hatten. 
Plötzlich fielen mir die Einmachglä- 
ser mit dem Rettich ein, und ich 
flüsterte Mama etwas zu. Dann 
schlüpfte ich aus der Hintertür und 



lief nach Hause, um die Gläser zu 
holen. 

Als ich zurückkam, herrschte große 
Aufregung. Während meiner Abwe- 
senheit war ein Mann namens Hy- 
rum Randolph gekommen und hat- 
te ein Paket Briefe von den Männern 
im Bataillon mitgebracht. Mama 
bekam drei Briefe, und aus allen 
sprachen Liebe, Hoffnung und Se- 
gensworte. 

Welch ein freudiges Festessen wir 
doch hatten! Vielleicht habt ihr noch 
nie Meerrettich zur Weihnachtspute 
gegessen, doch es schmeckt köstlich. 
Mama und ich fühlten uns Papa sehr 
nahe, als wir dieses Mahl genossen. 
„Sag mal, Kleiner", sagte Bruder 
Randolph zu mir. „Was ist denn das 
in den Gläsern?" „Meerrettich. 
Selbst gemacht. So gut wie Papas 
Meerrettich schmeckt er natürlich 
nicht." 

„Sieh mal einer an", sagte er. „Das 
ist ja schön, daß ihr Meerrettich eßt. 
Manche Leute schwören darauf: es 
sei das beste Mittel gegen das Fleck- 
fieber." 

„Dann gleich eine Portion für 
mich", rief jemand. Ich sagte ein 
stilles Dankgebet und lächelte Ma- 
ma an. 

„Briefe von Papa und Meerrettich 
zu Weihnachten", lachte sie. „Ja", 
kicherte ich dazu. Und beide riefen 
wir: „Im Frühjahr nach Westen!" D 




Antonio stand mit all den ande- 
ren Kindern aus der zweiten 
Klasse in einer Ecke des Spielplatzes 
zusammen. Er ging in San Juan in 
die Schule. Die Kinder redeten und 
lachten, und Antonio war sehr auf- 
geregt. 

Rita legte einen Finger auf den 
Mund. „Leise", sagte sie, „Frau 
Loma darf uns nicht hören." 
„Richtig. Wir müssen Pläne ma- 
chen", sagte Eduardo. 
„Was für Pläne?" fragte Antonio. 
„Na, wegen Frau Lomas Weih- 
nachtsgeschenk. Wir wollen ihr eine 
Überraschung bereiten", gab Rita 
zur Antwort. 

„Es soll ein großes Geschenk sein", 
meinte Pablo. 

„Wir haben aber kein Geld", erin- 
nerte ihn Eduardo. 
„Meine Schwester und ich, wir 
könnten einen großen Kuchen 



backen", schlug Isabel vor. „Sie 
arbeitet in einer Bäckerei." „Und 
jeder bringt eine Kerze mit", warf 
Pablo ein. „Frau Loma wird viele 
Kerzen auf ihrem Kuchen haben." 
„Ich bringe eine rote", sagte Rita. 
„Und ich eine grüne", redete Eduar- 
do dazwischen. 

Alle Kinder sagten, was für Kerzen 
sie bringen würden, das heißt alle 
außer Antonio. Antonio war trau- 
rig. Frau Loma war eine liebe Leh- 
rerin, und er hatte sie gern. 
Antonio ging beiseite. Er wollte den 
anderen Kindern nicht sagen, daß er 
für Frau Lomas Kuchen keine Ker- 
ze bringen konnte. Er schleifte die 
Füße im Sand des Wüstenpfades, 
der zu seinem Haus führte, und war 
dabei so in Gedanken versunken, 
daß er die Hornfrösche und Eidech- 
sen gar nicht sah, die unter den 
Steinen verschwanden. Auch den 



ANTONIOS KERZE 



Virginia G. Jones 







blühenden Ginster und die Yucca- 
palmen, die in voller Blüte standen, 
sah er nicht. 

Den ganzen Abend war Antonio so 
still, daß seine Mutter sagte: „Was 
ist denn los mit dir, Antonio?" 
Aber Antonio gab keine Antwort. 
Er sah nur traurig drein. 

Am nächsten Morgen nahm er sei- 
nen Imbiß und verabschiedete sich 
von seiner Mutter. Aber er hatte gar 
keine Lust, zur Schule zu gehen. 

„Keine Kerze für Frau Loma", 
dachte er. „Vielleicht kann ich den 
ganzen Tag hier draußen in der 
Wüste bleiben." Als er sich umsah, 
wo er sich hinsetzen konnte, be- 
merkte er die Yuccapalmen mit 
ihren großen weißen Blüten. „Die 
sind schön", dachte er. Da kam ihm 
eine Idee. 

Antonio pflückte einen großen Sten- 
gel ab, der über und über mit Blüten 
bedeckt war, und trug ihn vorsichtig 
zur Schule. Als er ankam, waren die 
anderen Kinder bereits in der Klas- 



se. Antonio spähte durch die Tür 
und sah den riesigen Kuchen mit 
Kerzen in allen Farben, die die 
Jungen und Mädchen gebracht hat- 
ten. Da entdeckte ihn Rita. 
„Wo hast du deine Kerze, Anto- 
nio?" fragte sie. 

„Hier", sagte Antonio und hielt ihr 
das üppige Büschel Yuccablüten 
entgegen. Doch dann schämte er 
sich so sehr wegen seines Geschenks, 
daß er sich am liebsten versteckt 
hätte. 

Alle schwiegen still. Frau Loma 
blickte Antonio und seine Blume an. 
„Antonio, das ist aber eine schöne 
Kerze!" rief sie dann. „Die Yucca- 
pflanze wird manchmal auch ,Kerze 
des Herrn' genannt." Und sie nahm 
ihm den Stengel mit den schneewei- 
ßen Blüten ab. 

Die Kinder klatschten. „Das war 
eine gute Idee, Antonio!" sagte Isa- 
bel. Und Antonio lächelte glücklich, 
denn Frau Loma sah so hübsch aus, 
als sie mit seiner Kerze dastand - mit 
der Kerze des Herrn. D 




BARBARA 

SMITH - 

berufen zu 

dienen, 

berufen zur 

Freude 



JoAnn Jolley 



Wenn Barbara Bradshaw Smith mit 
den vielen Frauen in der Kirche zu- 
sammentrifft, gibt es viele Hände 
zu schütteln und viele freundlich ans 
Herz zu drücken. Sie ist die Präsi- 
dentin der 1,5 Millionen Mitglieder 
zählenden Frauenhilfsvereinigung. 
Es nimmt nicht wunder, daß sich 
die Frauen überall in der Kirche 
zu ihrer stillen Würde hingezogen 
fühlen. 



Nicht jede Frau kann Schwester Smith 
persönlich kennenlernen. Sie würde sie 
aber alle gern zum Essen einladen, wenn 
sie könnte. 

„Meine Frau hat ein ausgeprägtes Ein- 
fühlungsvermögen und großes Interesse 
an den Frauen der Kirche", bemerkt ihr 
Mann nicht ohne Stolz. Douglas H. 




27 



Smith ist der erste, der anerkennt, woher 
die Energie und Fähigkeit seiner Frau 
unter anderem kommt: „Eins unserer 
Kinder hat einmal gesagt, daß man die 
ganze Familie ins Amt einsetzen sollte, 
wenn man meiner Frau eine Berufung 
gibt - wir werden nämlich alle zum 
selben Dienst berufen. Was immer sie 
macht - wir sind ein Teil davon. Auf die 
eine oder andere Weise wird die ganze 
Familie - Kinder, Enkel, Nachbarn und 
Freunde - in ihre Arbeit mit einbezogen. 
Alle helfen ihr und unterstützen sie. Es 
macht uns nämlich Freude, an ihrer 
Berufung teilzuhaben, genauso, wie sie 
immer Teilnahme an all unseren Beru- 
fungen gezeigt hat. Wir stehen uns als 
Familie sehr nahe." 
Schwester Smith ist der Ansicht, daß die 
FHV ( = Frauenhilfsvereinigung) - ge- 
nau wie die Familie - in folgendem 
Erfüllung findet: „. . .dankbar sein für 
die Segnungen des Herrn; Lächeln ler- 
nen; lernen, füreinander Zeit zu haben 
und an dieser kurzen Zeit des Erdenle- 
bens Freude zu finden. Es soll eine Zeit 
des Dienens und der Freude sein und der 
Geist des Herrn soll in unserer Mitte 
weilen. Das tut er auch, wenn wir es ihm 
gestatten." 

Rückblickend sagt sie: „Der Herr hat 
mich immer gesegnet. Mein Leben war 
nicht negativ, sondern voll guter, schö- 
ner Erfahrungen. Natürlich habe ich 
auch Schwierigkeiten durchgemacht, 
doch hatte ich immer das Gefühl, daß 
der Herr mich liebt." 
Ihre Tochter Catherine Faulkner sagt: 
„Die vielen Projekte, die sie verfolgt hat, 
haben ihr nie Schwierigkeiten bereitet; 
sie hat uns immer an allem teilhaben 
lassen." 

Mayola Miltenberger, die Finanzsekre- 
tärin der FHV, meint: „Sie ist ein sehr 



aufgeschlossener Mensch. Wer zu ihr 
kommt, fühlt sich mit Wärme aufge- 
nommen." Und Marian R. Boyer, die 
Erste Ratgeberin der FHV-Präsidentin, 
fügt hinzu: „Ich habe schon erlebt, daß 



Präsident Kimball kam zu 

uns nach Hause und sagte: 

,, Schwester Smith, ich bin 

gekommen, um Sie als 

Präsidentin der FHV zu 

berufen." 



sie zu wichtigen Versammlungen zu spät 
kam, weil sie sich um jemand geküm- 
mert hat." Shirley Thomas, die Zweite 
Ratgeberin, stellt fest: „Sie ist immer 
freundlich. Die Leute sehen in ihr ein 
Vorbild, sie wollen sich bei ihr Kraft 
holen." 

Es fängt zu Hause an. „Sie ist nie so 
beschäftigt, daß sie für ihre Familie 
keine Zeit hat", berichtet ihre Tochter 
Sherilynn Alba, das jüngste Kind der 
Smiths. Sie ist verheiratet und hat bereits 
selbst zwei Kinder. „Das war so, als wir 
aufwuchsen, und es ist heute noch so. 
Wenn wir sie brauchen, ist sie da. Ich 
kann mir nicht vorstellen, sie nicht in der 
Nähe zu haben, um sie um ihre Meinung 
oder um ihren Rat zu fragen." 
„Sie hat eine Gabe, das Gute zu sehen", 
sagt ihre Tochter Lillian Alldredge. „Als 
ich noch klein war, nahm sie mich 
überallhin mit und redete mit mir, so 
daß ich das Gefühl hatte: Ich bin 
wichtig, ich werde gebraucht." 



28 



Ihre liebevolle Sorge erstreckt sich auch 
auf die Enkel. „Erst unlängst", berichtet 
Lillian Alldredge, „fragte ich alle meine 
Kinder (das älteste ist 14), was sie über 
Großmutter Smith sagen würden. Sie 
sagten: ,Sie nimmt sich die Zeit, bei uns 
zu sein.'" 

Zeit ist für die FHV-Präsidentin ein 
kostbares Gut. Sie strengt sich sehr an, 
um Zeit zu finden für Familientreffen, 
Tempelfahrten, Geburtstagsfeiern der 
Enkel und hin und wieder ein Abendes- 
sen bei den Kindern. „Wir machen alles 
gemeinsam", erzählt Bruder Smith. 
„Wenn einer Schwierigkeiten hat, teilen 
wir sie. Hat einer Erfolg, so wird auch 
dieser geteilt. Wenn jemand zum Dienst 
berufen wird, teilen wir uns diese Beru- 
fung, soweit dies angebracht ist." 
Bruder Smith - er ist mit ihr fast 40 Jahre 
verheiratet, ist Präsident der Versiche- 
rung Beneficial Life und dient der 
Kirche zur Zeit als Regionalrepräsen- 
tant - schildert, wie unerschütterlich sie 
beide einander unterstützen. Im Lauf 
der Jahre wurde dieser Entschluß durch 
ihr gegenseitiges Einvernehmen nur 
noch verstärkt. Beide haben im Lauf 
ihres Ehelebens wichtige öffentliche und 
kirchliche Funktionen erfüllt, doch nie 
mußte einer ohne die Unterstützung des 
anderen auskommen. 
Als Schwester Smith ihre Berufung in 
der FHV erhielt, sprach er ihr sofort sein 
Vertrauen und seine Zuversicht aus. 
„Präsident Kimball kam zu uns nach 
Hause und sagte: , Schwester Smith, ich 
bin gekommen, um Sie als Präsidentin 
der FHV der Kirche zu berufen.' Dann 
wandte er sich zu mir und sagte: ,Bruder 
Smith, werden Sie sie in dieser Berufung 
unterstützen?' In diesem Moment hatte 
ich das Gefühl, der Präsident der Kirche 
gibt mir eine besondere Berufung, näm- 



lich meine Frau zu unterstützen. Das 
war meine Berufung zum Dienen. Ich 
antwortete Präsident Kimball, meine 
Frau habe mich 35 Jahre lang unter- 
stützt, während ich in der Kirche diente. 
Ich würde es als Ehre betrachten, nun sie 
zu unterstützen - und darum bemühe ich 
mich auch." 

Die meisten Frauen in der Kirche hören 
Schwester Smiths Ansprachen, sie lesen 
sie oder erleben mit, wie sie auf ihre 
freundliche und doch sachliche Art etwa 
eine Fireside für Frauen leitet oder zur 
Presse spricht. Sie ist offensichtlich eine 
Frau, vor der man Respekt haben muß. 
Ihre persönliche Wärme wird jedoch 
fühlbar, wenn sie zu einer kleinen Grup- 
pe spricht und aus der Tiefe ihrer 
persönlichen Überzeugung schöpft 
oder wenn sie einen bei der Hand nimmt 
und sagt: „Ich freue mich so, daß ich Sie 
kennengelernt habe." Man weiß dann: 
Sie meint es wirklich so. In solchen 
Augenblicken fällt es einem nicht 
schwer, Barbara Smith gern zu haben. 
Es stimmt, was ihre Tochter Lillian 
gesagt hat: „Sie hat uns gelehrt, jeden 
Ort besser zu verlassen, als wir ihn 
vorgefunden haben. Dasselbe macht sie 
auch mit Menschen." 
Schwester Smith hat ausgeprägte An- 
schauungen, was die FHV und Frauen 
im allgemeinen anbelangt. In der Folge 
sind einige ihrer Gedanken über Berei- 
che angeführt, die für die Schwestern auf 
der ganzen Welt von Interesse sind: 

Über den neu organisierten 
Pfahl-FHV-Ausschuß 

Wir haben den Pfahlausschuß neu orga- 
nisiert, so daß die Ratgeberinnen für die 
programmorientierten Informationen 
und die Leiterin für solche Informatio- 



29 



nen verantwortlich sind, die die einzelne 
Schwester betreffen. Wir hoffen, daß die 
Mitglieder der FHV dadurch mehr ge- 
stärkt werden als je zuvor. Wir haben 
unseren Blickwinkel erweitert und rich- 
ten unser Augenmerk auf die gesamte 
Breite der FHV-Arbeit. Den Ausschuß- 
mitgliedern werden nun viele Bereiche 
übertragen, die zuvor der Leiterin vor- 
behalten waren. Für jeden unserer Auf- 
gabenbereiche - Aktivierung und Mis- 
sionsarbeit, Lehrplan und Lehrerfort- 
bildung, Hauswirtschaft und Kinder- 
garten, Führerschulung, Musik und Frei- 
zeitgestaltung, Alleinstehende Erwach- 
sene/Übergang von den Jungen Damen 
zur FHV, Wohlfahrt sowie Besuchsleh- 
ren und Dienst am Nächsten - ist nun 
eine Schwester im Ausschuß direkt ver- 
antwortlich. In der Gemeinde gilt im 
allgemeinen dieselbe Organisation, und 
wir freuen uns darüber. Je mehr Leute 
mitarbeiten, desto größer das Interesse 
der Schwestern. 

Über die Möglichkeiten der FHV 

Ich glaube, es ist niemandem von uns 
wirklich klar, welch eine großartige 
Organisation die FHV eigentlich ist. Der 
Herr hat sie uns unter anderem deshalb 
gegeben, damit wir das nötige Wissen 
und die nötige Erkenntnis erlangen, um 
in unserer Zeit richtig handeln zu kön- 
nen. Es geht dabei nicht allein um 
Kenntnisse, die man sich durch Bildung 
aneignen kann, sondern vielmehr um 
Erkenntnis, die uns der Geist gibt, wenn 
er uns führt. Wir befinden uns eigentlich 
erst im Anfangsstadium. Wir haben eine 
gute Grundlage, weil wir in der Vergan- 
genheit gute, starke Frauen hatten. Eine 
große Verantwortung, die heute auf uns 
ruht, besteht darin, Erkenntnis und 



Wissen zu sammeln, damit wir die 
Segnungen des Himmels empfangen 
können. 

Über ein evangeliumsgemäßes Leben 

Ich wüßte nicht, was ich den Frauen der 
Kirche eindringlicher sagen möchte als 
dies: wie ungeheuer wichtig es ist, jeden 
Evangeliumsgrundsatz zu lernen und 
ihn in der besonderen Situation, in der 
wir uns persönlich befinden, anzuwen- 
den. Der Herr hat uns nicht zweierlei 
heilige Schrift gegeben - für Alleinste- 
hende und für Verheiratete. Trotzdem 
hört man so oft jemand Alleinstehenden 
sagen: „Warum gibt es keine Lektionen, 
die sich mehr auf uns als auf die anderen 
beziehen?" Für die einen oder die ande- 
ren kann es jedoch nicht sein. Wir alle 
müssen in die Tat umsetzen, was uns 
genauso betrifft wie jeden anderen. Die- 
ser Grundsatz ist allgemeingültig. Es ist 
traurig, daß wir unserem Verständnis 
Grenzen setzen. Anstatt zu sagen: 
„Warum wendet ihr diesen Grundsatz 
nicht auf mich an?" sollten wir sagen: 
„Wie kann ich diesen Grundsatz anwen- 
den?" Der Herr möchte, daß wir lernen, 
wie wir seine Grundsätze bei allem 
anwenden können, was wir tun. 

Über die Jungen Damen, 
die zur FHV übergehen 

Ich möchte, daß sie wissen, welch ein 
kostbares Geschenk die FHV ist. Ich 
weiß, daß einige der Jungen Damen in 
der Vergangenheit noch nie etwas mit 
der FHV zu tun hatten, doch hoffe ich, 
sie nehmen sich Zeit und finden heraus, 
welch große Kraft die älteren Frauen 
haben. Ich hoffe, sie stellen fest, daß sie 
selbst zu dieser Organisation einen gro- 



30 



ßen Beitrag leisten können. Die FHV 
wird ihre Organisation sein, so lange sie 
leben. Sie gehören nicht nur vorüberge- 
hend, sondern ihr Leben lang dazu, und 
der Herr hat uns die FHV gegeben, um 
uns zu segnen und zu stärken. Sie 
können von der FHV so viel profitieren, 
wie sie wollen, und es gibt vieles, was sie 
ihrerseits geben können. 
Wenn Sie mich fragen, was ich den 
Leiterinnen im Hinblick auf diese jungen 
Frauen empfehlen würde, so antworte 
ich: Geben Sie ihnen sofort eine Aufga- 
be. Übertragen Sie ihnen ein Amt. Sie 
müssen lernen, und sie haben viel, was 
sie geben können. Ich sehe unsere jungen 



Wenn die FHV die 

Schwestern zur Mitarbeit 

gewinnen kann, können sie 

ihrerseits ihre Familie 

stärken und die nötige 

Festigkeit erlangen. 



Frauen als Lehrerinnen, als Komitee- 
mitglieder und sogar in der FHV-Lei- 
tung. Ich sehe, wie sie aktive Mitglieder 
der großen Schwesternschaft der Kirche 
werden. 

Über die FHV und Missionsarbeit 

Mehrere Missionspräsidenten und Prie- 
stertums- wie FHV-Führungsbeamte 
haben mir schon gesagt, daß wir noch 
nicht bekehrte oder neu bekehrte 
Frauen oft wieder verlieren, wenn wir sie 
nicht in die FHV einbeziehen. Kann 



jedoch die FHV eine Schwester zur 
Mitarbeit gewinnen, so ist sie ihrerseits 
imstande, ihre Familie zu stärken und 
während der Anpassungszeit die nötige 
Festigkeit zu entwickeln. Es kommt 
selten vor, daß eine Schwester, die einen 
Platz in der FHV findet, verlorengeht. 

Über die Familie 
als Quelle der Kraft 

Die Familie ist durch das, was in ihr 
geschieht, eine Quelle der Kraft. Die 
Familie ist es, wo das Priestertum zur 
Wirkung kommt, wo der Dienst am 
Nächsten seinen Anfang hat und wo 
man jeden Evangeliumsgrundsatz ler- 
nen und anwenden kann. Die Familie 
verhilft uns zur nötigen Kraft, um geistig 
zu wachsen und Fortschritt zu machen, 
um das Böse abzuwehren und um die 
Segnungen der Ewigkeit zu erlangen. 

Über die schlechten Einflüsse 
in der heutigen Welt 

Das größte Übel, mit dem wir heute 
konfrontiert sind, ist meiner Meinung 
nach das Bemühen, die Familie zu 
zerstören - sei es durch Scheidung, 
Kindesmißhandlung, Unmoral oder 
Depressionen. All das unterwandert die 
Familie und das Selbstbewußtsein. Wir 
müssen die Familie stark machen, damit 
dergleichen nicht vorkommt. Wenn eine 
Familie zerbricht, verliert der einzelne 
eine wichtige Kraftquelle - nämlich das 
Beispiel von Mann und Frau, die in 
Liebe zusammenarbeiten. 

Über die Zusammenarbeit 
von Priestertum und FHV 

Beide müssen verstehen, daß die andere 



31 



Seite bestimmte Stärken und Aufgaben 
und einen wichtigen Zweck in dieser von 
Gott gegründeten Kirche hat. Beide 
Seiten müssen sich bemühen, jeweils 
beim anderen das hervorzukehren, was 
für alle den größten Segen bringt. Ich 
glaube zum Beispiel, daß die FHV das 
Priestertum wirklich unterstützen muß, 
wenn es erfolgreich sein soll. Wir müssen 
für die Priestertumsführer beten, und 
wir müssen an Ort und Stelle sein und 
ihnen nach Kräften helfen. Ich denke 
hier zum Beispiel an den Dienst am 
Nächsten. Die Frauen haben viel Gele- 
genheit, Mitgefühl zu zeigen, und wenn 
sie in diesem Sinne dem Nächsten die- 
nen, unterstützen sie das Priestertum. 
Davon würde ich in Zukunft gern mehr 
sehen. 



Über die Nächstenliebe, 
die reine Christusliebe 

Nächstenliebe ist nicht nur etwas, was 
wir tun oder sagen - sie ist auch die 
Motivation, die dahintersteht. Ich glau- 
be, Christus hilft uns erkennen, wie 
wichtig es ist, daß wir Gutes tun; und 
wenn wir erst einmal verstehen, warum 
wir uns für die Bedürfnisse eines anderen 
interessieren und ihm in Liebe helfen 
sollen, steigen wir höher, über das 
Mittelmäßige hinaus. Nächstenliebe 
üben bedeutet: dem Erretter nacheifern. 
Die Nächstenliebe beginnt meiner Mei- 
nung nach Wurzel zu fassen, wenn wir 
uns täglich bemühen, unseren Mitmen- 
schen Segen zu bringen. 



„Die Hüterin meiner Schwester" sein 

Eine schöne Weise, einander zu dienen, 
besteht darin, daß man aneinander das 
Gute sieht und aufhört, Fehler zu su- 
chen (LuB 88: 124). Wenn wir das täten - 
das heißt, wenn wir aneinander nicht 
Fehler finden, sondern das Gute sehen 
würden -, würden wir jedem helfen, 
besser zu sein. Die heutige Gesellschaft 
ist sehr ichbezogen und sucht oft Fehler 
aneinander. Ich möchte, daß das anders 
wird. Ich möchte, daß wir zueinander 
sagen: ,,Du bist etwas Besonderes." 



Über ihre Gebete 

für die Schwestern der Kirche 

Wenn man jeden Tag für die Schwestern 
betet, verspürt man einfach große Liebe 
für sie. Ich bete in der Tat darum, daß 
der Herr die Schwestern segnen möge. 
Ich bete darum, daß sie eins seien und 
daß sie verstehen: Die FHV ist da, um 
ihnen zu helfen und damit sie von den 
Möglichkeiten Gebrauch machen, die 
sie ihnen bietet. Vor allem bete ich 
darum, daß sie viel Liebe füreinander 
haben. G 



32 



DIE FHV - 
EIN GRUND ZUM 
SINGEN 



Patricia W. Higbee 



Ohne einen trüben Wintermorgen 
und eine Beobachtung meiner klei- 
nen Tochter wäre ich zwar vielleicht 
weiterhin gern zur FHV gegangen, mir 
aber nicht bewußt geworden, auf welch 
mannigfaltige Weise sie mir schon ge- 
holfen hat. 

Als ich an jenem Morgen in aller Eile das 
Geschirr spülte, blickte ich durchs Fen- 
ster auf die dunklen Wolken und das 
Schneetreiben. Normalerweise fühle ich 
mich bei solchem Wetter niederge- 
drückt, doch mir kam ein Kirchenlied in 
den Sinn, das ich gern habe, und ich 
begann, die Melodie zu summen. 
Vom Frühstückstisch her rief meine 
Jüngste: „Heute ist wieder FHV, 
stimmt's?" „Wie hast du das gewußt?" 
fragte ich. „Hast du gesehen, wie ich den 
Leitfaden las?" 

„Nein, Mama", lachte sie. „Du hast 
gesungen." 

„Was meinst du?" fragte ich. „Was hat 
das Singen mit der FHV zu tun?" 
Sie beobachtete meine Reaktion und 
sagte langsam: „Sonst hast du morgens 
schlechte Laune." 

Ich gebe zu, der Morgen ist nicht meine 
liebste Tageszeit, aber ich hoffe, ihre 
Feststellung war übertrieben. Sie hatte 



jedoch auf ihre Weise bemerkt, daß ich 
glücklich war, wenn ich zur FHV ging. 
Ich fing an, zu überlegen, warum ich von 
der FHV so begeistert war. 

Schwester sein 

und gemeinsam dienen 

In der FHV habe ich die verschiedensten 
Freundinnen. Ich lerne dort Frauen 
jeden Alters kennen und schätzen. Ihr 
Hintergrund, ihre Talente, Interessen, 
politischen Ansichten und ihre Ideen 
sind oft ganz anders als die meinen. Das 
Interesse für diese Frauen erweckt in mir 
den Wunsch, ihnen und ihrer Familie zu 
dienen. 

Da einer der Gründe, der für das 
Bestehen der FHV genannt wird, der ist, 
der Menschheit zu dienen, habe ich 
persönlich zweifellos eine bessere Ein- 
stellung zum Dienen entwickelt. 
Vor einigen Jahren hat zum Beispiel ein 
Bruder unserer Gemeinde erwähnt, sei- 
ne Frau und mehrere seiner Kinder 
hätten die Grippe. Ich war voll Mitge- 
fühl und fragte gewohnheitsgemäß, ob 
ich irgendwie helfen könne. Zu meiner 
Überraschung sagte er: „Ja, Sie könnten 
uns morgen das Abendessen bringen." 



Den ganzen nächsten Tag beklagte ich 
mich darüber, daß ich meine wertvolle 
Zeit damit zubringen sollte, seiner Fami- 
lie eine Mahlzeit zu bereiten, wo er doch 
ganz gut selbst dazu in der Lage war. 
Welch ein Unterschied, wenn ich dies 
mit dem Gefühl vergleiche, das ich vor 
kurzem empfunden habe, als ich für die 
Familie einer Schwester das Abendessen 
bereitete, die sich gerade von einer 
Operation erholte. 

Was hatte sich zwischen diesen beiden 
Situationen ereignet? Wodurch hatte 
sich meine Einstellung verändert? Ge- 
holfen haben mir Gespräche in der FHV 
über den Dienst am Nächsten. Noch 
größeren Einfluß hatte das Beispiel an- 
derer in unserer Gemeinde, die voll 
Freude dienten. So viele Schwestern 
warten begierig darauf zu dienen, daß 
man manchmal meint, man müsse sich 
in eine Warteliste eintragen. 
Die FHV bietet mir Gelegenheit, meine 
Talente zu entfalten, neue Talente zu 
entdecken und sogar das eine oder 
andere zu tun, wofür ich überhaupt 
nicht talentiert bin. Zum Beispiel hatte 
ich kürzlich ein sehr gutes Gefühl, als 
jemand folgende Worte Brigham 
Youngs zitierte: „Schmückt euch mit 
dem Werk eurer Hände." (Discourses of 
Brigham Young, S. 214.) Ich finde jetzt 
Befriedigung darin, für mich und die 
Kinder selbst Kleider zu nähen, obwohl 
ich in meiner Jugend nicht nähen moch- 
te und nähen nie als eins meiner Talente 
betrachtet habe. Viele solcher neuen 
Fertigkeiten habe ich mir in der FHV 
angeeignet. 

Ich singe auch nicht sehr gut. Als ich 
jung war, hörte eine meiner Freundin- 
nen immer zu singen auf, wenn sie in der 
Kirche neben mir saß, damit jeder 
wußte, daß ich und nicht sie falsch sang. 



In einer Gemeinde wurde ich jedoch 
dringend in einer kleinen Gruppe ge- 
braucht, die bei einer Pfahlversammlung 
singen sollte. Als wir an jenem Tag 
sangen, wurde mir zum ersten Mal klar, 
was es "bedeutet, dem Herrn Lob zu 
singen. Zwar bin ich immer noch keine 
gute Sängerin, doch bei den Gesangs- 
übungen in der FHV habe ich glückliche 
Augenblicke erlebt, von denen ich viel- 
leicht sonst nie etwas geahnt hätte. 
Viele erfolgreiche Unternehmungen mit 
unseren Kindern gehen direkt auf Ideen 
zurück, die ich von anderen Frauen 
habe. Eine Schwester hat mir erzählt, 
daß sie ihre Kinder mit Erzählungen 
über das Evangelium unterhielt und 
belehrte, wenn sie mit ihnen während 
der Wirtschaftskrise im Garten arbeite- 
te, um Gemüse für die Familie zu ziehen. 
Am Abend las sie das Buch Mormon, 
die Bibel oder die Geschichte der Kirche 
und konnte den Kindern am nächsten 
Tag alles genau nacherzählen. Durch 
ihre Bemühungen lernten die Kinder das 
Evangelium lieben und Freude an der 
Arbeit finden. Nun erzählen wir einan- 
der in der Familie Evangeliumsbegeben- 
heiten, während wir gemeinsam arbei- 
ten, langes Haar ausbürsten oder wenn 
wir unterwegs sind. 



Eine Quelle geistiger Kraft 

Vielleicht kann man auch anderswo 
schwesterliche Beziehungen oder Freu- 
de am Frausein finden, ein Talent entfal- 
ten und lernen. Auf einem Gebiet jedoch 
kann ich keine andere Gruppe mit der 
FHV messen, und das ist die Erneuerung 
meines geistigen Eifers. 
Als ich während meines Studiums zum 
ersten Mal von der FHV am Sonntag- 



34 



vormittag erfuhr, wollte ich nicht gern 
hingehen, weil ich dachte, das sei nur für 
ältere Frauen. Es dauerte aber kein Jahr, 
da ging mir, wenn ich ein Wochenende 
zu Hause verbrachte, am meisten die 
geistige Belebung ab, die ich jedesmal bei 
der FHV empfing. Ich lernte wirklich 
fasten und beten und dem Herrn nahe zu 
sein, besonders, wenn ich meinen Unter- 
richt vorbereitete. 

Wenn ich heute nicht mit dem Herrn in 
Einklang stehe, denke ich an jene Tage, 
und es ist mir ein Trost, daß ich weiß: 
Wenn ich mich bemühe, kann ich dem 
Herrn wieder nahe sein. Das Programm 
der FHV wird durch Inspiration organi- 
siert, geplant und ausgeführt. Die wö- 
chentliche Teilnahme hilft mir, Gottes 
Gesetze zu befolgen und seinen Beistand 
in Anspruch zu nehmen. 
Vor einigen Jahren habe ich mit einer 
Freundin ein Gespräch geführt, das 
meinen Entschluß, die FHV zu besu- 
chen, sehr beeinflußt hat. Ich hatte nach 
kurzer Lehrtätigkeit gerade zu arbeiten 
aufgehört und genoß das Zuhausesein. 
Meine Freundin fragte: „Ist deine ganze 
Ausbildung nicht umsonst gewesen, 
wenn du nicht wieder im Beruf arbei- 
test?" Was ich ihr antwortete, konnte sie 



nicht überzeugen. „Schau", sagte sie, 
„ich weiß doch: du kochst und nähst 
nicht gern. Nicht einmal Kinderhüten 
hat dir als Mädchen Spaß gemacht, wie 
uns anderen Mädchen. Du warst eine 
gute Studentin und bist ehrgeizig. Du 
bist gern unter Leuten. Nach einigen 
Jahren zu Hause wirst du dich zu Tode 
langweilen." 

„Na, ja", erwiderte ich, vielleicht ein 
wenig selbstgefällig, „ich habe ja noch 
die FHV." 

„Du willst doch nicht behaupten, daß 
eine Versammlung in der Woche all 
deine außerfamiliären Bedürfnisse be- 
friedigt", sagte sie. 

Inzwischen habe ich erfahren, daß wir 
damals beide recht hatten. Mich mit 
meinem Leben im Haushalt zufrieden- 
zugeben ist mir schwerer gefallen, als ich 
erwartet hatte. Andererseits aber macht 
es mich in der Tat glücklich, daß ich 
einer Organisation angehöre, die schwe- 
sterliche Beziehungen und den Wunsch 
zu dienen fördert, das Frauentum unter- 
stützt, Talente entfalten hilft, zum Ler- 
nen anregt und zu vermehrter geistiger 
Gesinnung beiträgt. Es macht mich 
sogar so glücklich, daß ich anfange zu 
singen. D 



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AARON 



Am Beispiel Aarons kann ein 

junger Mann lernen, wie er im 

Aaronischen Priestertum 

dienen soll. 



Victor L. Ludlow 



Die meisten jungen Männer, die das 
Aaronische Priestertum tragen, 
wissen nicht, daß Aaron und sein Bruder 
Mose vor langer Zeit ein bedeutendes 
Beispiel gesetzt haben, wie man im 
Priestertum führt. Gewiß wurden die 
priesterlichen Aufgaben Aarons mei- 
stens von den prophetischen Taten sei- 
nes jüngeren Bruders Mose in den 
Schatten gestellt, als dieser das Volk 
Israel aus der Knechtschaft führte und 
der mosaischen Evangeliumszeit ihre 
Ordnung aufprägte; und doch ist Aaron 
ein so hervorragendes Beispiel für den 
Gottesdienst, daß eine große Abteilung 
des Priestertums des Herrn nach ihm 
benannt wurde. 

Ich habe das Aaronische Priestertum 
vor einem Vierteljahr hundert empfan- 
gen. Seit damals bemühe ich mich, die 
Führungsgrundsätze des Priestertums, 
die Aaron so vorbildlich praktizierte, zu 
erlernen und anzuwenden. Ich denke 
hier vor allem an zehn bestimmte 
Grundsätze. 




; :■ .;./■ ? ,:■ ;■ .■ : : . : : ■ 




1. Gott anerkennen. Als Junge er- 
lebte Aaron, wie sein kleiner Bruder 
Mose auf wundersame Weise vom Tod 
errettet und dann in königlichem Luxus 
großgezogen wurde, bevor er aus Ägyp- 
ten nach Midian floh. Aaron blieb in der 
Sklaverei zurück und hätte sich leicht 
gegen Gott und die israelitische Religion 
wenden können. Statt dessen muß er 
sich eng an den Herrn angeschlossen 
haben. Es steht nichts davon geschrie- 
ben, wie er sein Zeugnis erhalten hat. Als 
Aaron jedoch bereits achtzig Jahre alt 
war, sprach der Herr zu ihm: „Geh 
hinaus in die Wüste, dem Mose entge- 
gen! Da ging er." (Ex 4:27.) Aarons 
Gottesglaube gab ihm die nötige Kraft 
für die Schwierigkeiten, vor die er und 
Mose noch gestellt wurden. 
Wider Erwarten kamen die ersten 
Schwierigkeiten von seinem eigenen 
Volk. Durch den Herrn empfing Mose 
wundersame Zeichen, um das Volk da- 
von zu überzeugen, daß er ihr Befreier 
war (Ex 4:1-9). Diese Zeichen und 
Aarons Zeugnis überzeugten die Israeli- 
ten so weit, daß sie sich von ihnen vor 
dem Pharao vertreten ließen (Ex 4:29- 
31). Als sich jedoch der Pharao erzürnte 
und dem Volk vermehrte Lasten aufbür- 
dete, wandten sich die Israeliten gegen 
Mose und Aaron. Mose klagte dem 
Herrn seinen Schmerz und seine Zweifel 
im Gebet (Ex 5:20-23), doch nichts läßt 
darauf schließen, daß sein oder Aarons 
Glaube je ins Wanken geriet. 
Ich weiß noch, wie mein eigener Glaube 
oft geprüft wurde. Ich ging in Blooming- 
ton (Indiana) zur Schule, und die Schü- 
ler, die nicht der Kirche angehörten, 
stellten meinen Glauben fortwährend in 
Frage. Damals bestand meine einzige 
Verteidigung darin, daß ich dasselbe tat 
wie Mose und Aaron - ich schloß mich 



dem Herrn enger an. Ich dachte, es muß 
Gott geben, denn ich konnte nicht 
beweisen, daß es ihn nicht gab. Auch 
ging ich davon aus, daß er mit mir 
sprechen konnte und würde. Mit diesen 
Vorstellungen und mit dem Glauben, 
daß das Zeugnis meiner Eltern auf etwas 
Wirklichem beruhen mußte, betete ich 
inständig. Aus diesem inneren Ringen 
empfing ich mein eigenes Zeugnis von 
der Existenz Gottes. 

2. Den Charakter formen. Beson- 
ders beeindruckend im Leben Aarons ist 
die Tatsache, daß er seinen jüngeren 
Bruder Mose so rückhaltlos als Prophe- 
ten anerkannte. Mose war nie ein hebrä- 
ischer Sklave gewesen, und er hatte 40 
Jahre außerhalb Ägyptens gelebt. Aaron 
hätte sich als besser geeignet betrachten 
können, die Hebräer aus Ägypten zu 
führen, allein wegen seines Alters und 
seiner Erfahrung. Er erkannte jedoch 
von Anfang an Mose als den Propheten 
des Herrn an. Trotzdem wurden er und 
seine Schwester Mirjam einmal vom 
Herrn zurechtgewiesen, weil sie eifer- 
süchtig auf Mose waren, der Gott sehr 
nahe war (s. Num 12). Ein Geringerer 
hätte sich vielleicht in Bitterkeit und 
Eifersucht gegen den Propheten ge- 
wandt, doch Aaron übte Umkehr. 
Aaron wurde in dieser Hinsicht mehr- 
mals versucht. Vielleicht kannte er die 
Prophezeiungen Josefs, des Sohnes Ja- 
kobs, der einen Seher namens Mose 
angekündigt hatte; dieser Mose sollte 
von einer Königstochter großgezogen 
werden (JSÜ, Gen 50:29). Wir wissen 
nichts von einer prophetischen Verhei- 
ßung oder von einem besonderen pa- 
triarchalischen Segen für Aaron. Er 
hätte seine Entwicklung leicht durch 
Gleichgültigkeit oder Eifersucht beein- 



38 



trächtigen können. Statt dessen verbes- 
serte er fortwährend sein eigenes Leben 
und seinen Charakter, bis er selbst als 
bedeutender Knecht für den Herrn 
sprach. 

Ich weiß noch, wie ich selbst als Lehrer 
in der Gemeinde Provo 9 solche ge- 
mischten Gefühle hatte. Als das Amt des 
Kollegiumspräsidenten frei wurde, fühl- 
te ich mich fähig, eine solche Berufung 
zu erhalten. Statt dessen wurde ein 
anderer junger Mann dafür ausgesucht. 
Ich stellte seine Würdigkeit und Eignung 
nicht in Frage, doch fragte ich mich, ob 
ich selbst so würdig und vorbereitet war, 
wie ich es hätte sein sollen. Ich faßte den 
Entschluß, mich anzustrengen und mein 
Leben immer in Ordnung zu halten und 
an mir zu arbeiten, damit ich in Zukunft 
für jede Berufung in der Kirche, die an 
mich herangetragen würde, bereit wäre. 
Als Heilige der Letzten Tage sollen wir 
uns unserer Schwächen so weit bewußt 
sein, daß wir ihrer Herr werden, bevor 
sie Herr über uns werden. Aaron war in 
dieser Hinsicht ein Vorbild. 

3. Vollmacht rechtschaffen gebrau- 
chen. Ein Priestertumsträger muß einer 
zweifachen Anforderung gerecht wer- 
den, wenn er zwischen Stolz und Demut 
wählen muß. Als Mensch muß er ein 
gewisses Gleichgewicht zwischen seinem 
Stolz als Kind Gottes und seiner Demut 
als mit Fehlern behafteter sterblicher 
Mensch finden. Als Priestertumsträger 
muß er im selben Sinne imstande sein, 
Anspruch auf seine Vollmacht zu erhe- 
ben und sie zu gebrauchen, ohne daß er 
der Versuchung nachgibt, nach höheren 
Ämtern zu streben. 

Auch hier war Aaron ein Vorbild. 
Nichts läßt darauf schließen, daß er 
nach dem Prophetenamt seines Bruders 



getrachtet hat. Trotzdem war er nicht 
schwach oder tatenlos, wenn er Voll- 
macht empfing. Als ihm geboten wurde, 
für Mose zum Pharao zu sprechen, tat er 
es. Er nahm seine Aufgabe an und 
handelte im Rahmen seiner Berufung. 
(Siehe Ex 4:30; 5:1-4; 6:13; 7:1,2,6- 
10,19,20; 8:5,6,16,17; 10:3; 11:10.) 
Einmal hat Aaron in seinem Führungs- 
amt versagt, nämlich als ihm die Israeli- 
ten am Berg Sinai anvertraut wurden. 
Während Mose auf dem Berg war, 
verlor Aaron die Herrschaft über das 
Volk. Es bestand darauf, daß er ihnen 
ein goldenes Kalb anfertige. (Siehe Ex 
24:14; 32:19-24.) Nachdem Mose das 
Volk zurechtgewiesen hatte, säuberten 
allerdings Aaron und die Leviten das 
Lager von Leuten, die sich weigerten 
dem Herrn nachzufolgen (siehe Ex 
32:26-29). Danach mußte sich Aaron oft 
die Klagen der Israeliten anhören, aber 
er ließ es nie mehr zu, daß sie so weit vom 
rechten Weg abkamen. 
Aarons Erlebnis am Sinai erinnert mich 
an ein ähnliches Erlebnis, das ich als 
Führer eines Heerestrupps in Fort Ord 
in Kalifornien hatte. Unser Zug traf 
Vorbereitungen für eine Sonderinspek- 
tion. Nachdem die Männer die Barracke 
gereinigt hatten, gingen sie hinaus, um 
ihre Ausrüstung sauberzumachen. Der 
Zugführer rief die vier Abteilungsführer 
zu sich und machte sie auf einige Arbei- 
ten aufmerksam, die noch zu erledigen 
waren. Er trug mir auf, ein paar meiner 
Männer zu holen und diese Arbeiten zu 
erledigen. Ich machte ein Fenster auf 
und sagte zu drei Männern von meiner 
Abteilung: „Sergeant Carrington möch- 
te, daß ihr hereinkommt und etwas 
erledigt!" 

Als ich mich umwandte, fragte Sergeant 
Carrington: „Was haben Sie da Ihren 



39 



Leuten gesagt?" „Daß Sie möchten, sie 
sollen hereinkommen und etwas erledi- 
gen." „Nein", sagte er. „Ich habe Ihnen 
aufgetragen, daß Sie Ihre Leute zur 
Arbeit holen sollen. Sie wissen, was Sie 
zu tun haben." 

„Sie wissen, was Sie zu tun haben", 
bedeutete bei Sergeant Carrington, daß 
man an Ort und Stelle hundert Liege- 
stütze machen mußte. 
Im ersten Augenblick war ich verwirrt 
und verlegen. Nach einiger Zeit aber fing 
ich an zu verstehen, was er mir beibrin- 
gen wollte. Ich war der Abteilungsfüh- 
rer, und ich hatte die Vollmacht, ihnen 
Arbeiten aufzutragen. Statt dessen hatte 
ich Sergeant Carringtons Namen und 
Vollmacht verwendet, um die Leute zur 
Arbeit zu bewegen. 

Aus , Lehre und Bündnisse', Abschnitt 
58:26-28 lernen wir, daß wir nicht in 
allem genötigt werden, sondern „vieles 
aus freien Stücken tun" sollen. Wir 
sollen unsere Berufung groß machen, 
indem wir unsere Entscheidungsfreiheit 
gebrauchen und uns auf unseren eigenen 
Mut stützen, anstatt uns auf die Voll- 
macht anderer zu berufen und andere 
unsere Schwierigkeiten lösen zu lassen. 

4. Die eigenen Talente entfalten. 
Indem Aaron seine Berufung groß 
machte und zum Volk Israel und zum 
Pharao redete, entwickelte er die Talente 
und Geistesgaben, die er brauchte, um 
seine Treuhandschaft zu erfüllen. So 
lernte er zum Beispiel Offenbarung emp- 
fangen (siehe Ex 12:1; Lev 10:8; 11:1; 
13:1; Num 18:1) und sah schließlich 
Gott auf dem Berg Sinai (siehe Ex 19:24; 
24:9,10). Er entwickelte seine Talente zu 
solcher Vollkommenheit, daß eine be- 
sondere Geistesgabe nach ihm benannt 
wurde - die „Gabe Aarons". Oliver 



Cowdery wurde diese Gabe in unserer 
Evangeliumszeit verheißen (siehe LuB 
8:6-11). 

Aaron war der Mund des Mose, gerade- 
so wie Mose der Mund oder Prophet des 
Herrn war. Als Sprecher für Mose und 
den Herrn war Aaron dafür verantwort- 
lich, daß die Botschaft des Herrn weiter- 
gegeben und die Israeliten belehrt wur- 
den (siehe Lev 10:11; Deut 33:10). Viele 
Propheten, darunter auch Mose und 
Henoch, waren furchtsam wegen ihrer 
Berufung und besorgt, ob sie die Bot- 
schaft auch recht übermitteln konnten. 
Ein Prophet muß ja Gottes Wort nicht 
nur verstehen, er muß es auch weiterge- 
ben. Aarons Redegabe machte es ihm 
möglich, diese bedeutende Aufgabe zu 
erfüllen. 

5. Nicht den Mut verlieren. Aaron 
hat im Lauf seines Wirkens viele Enttäu- 
schungen erlebt. Er sah die Schlechtig- 
keit der Israeliten im Zusammenhang 
mit dem goldenen Kalb, und später 
erlebte er mit, wie Tausende durch 
Seuchen und Gottesstrafen umkamen (s. 
Num 11,14,16). Auch selbst mußte er 
Unglück und Enttäuschung hinnehmen. 
Zwei seiner vier Söhne wurden vom 
Herrn durch Feuer getötet (Lev 10:1,2), 
und seine Schwester wurde von Lepra 
befallen (siehe Num 12:10). Bei diesen 
Prüfungen „schwieg Aaron". (Lev 10:3.) 
Er bat um Vergebung für seine eigenen 
Schwächen (Num 12:11.) 
Einmal warfen ihm die Israeliten vor, er 
maße sich zuviel Vollmacht an (s. Num 
16:3.) Er und Mose wurden zurechtge- 
wiesen, weil sie die Ehre nicht dem Herrn 
gelassen und sich nicht genau an seine 
Weisung gehalten hatten, als aus dem 
Felsen Wasser hervorgekommen war. 
Auch wurde ihnen gesagt, daß sie das 



40 



Land der Verheißung nicht betreten 
werden (s. Num 20:12-20). 
Aarons Leben war voller Enttäuschun- 
gen und verspäteten Lohns. Anstatt 
jedoch schwach oder verbittert zu wer- 
den oder sich gegen den Herrn zu 
wenden, wurde Aaron stärker und er- 
füllte schließlich seine Treuhandschaft. 
So wie er müssen auch viele von uns 
lernen, den Glauben an Gottes Gerech- 
tigkeit nicht zu verlieren und würdig zu 
leben - für Segnungen, die nicht sofort 
kommen. Ich erinnere mich an einen 
guten jungen Mann in Solingen, den 
mein Mitarbeiter und ich belehrt haben. 
Wir fasteten und beteten für ihn. Seine 
Eltern gaben ihm nicht die Genehmi- 
gung zur Taufe, und später verlor er das 
Interesse an der Kirche. Doch dreizehn 
Jahre später - seine Ehe war inzwischen 
gescheitert - fand er erneut zur Kirche. 
Als er auf einer Geschäftsreise nach 
Chikago kam, flog er weiter nach Salt 
Lake City, und ich durfte die unsagbare 
Freude erleben, ihn zu taufen. 



tums, überhaupt keinen Wein zu trin- 
ken, wenn sie an den Altar gingen oder 
lehrten (s. Vers 8-11). Beim Tod seiner 
beiden Söhne durften Aaron und seine 
übrigen Söhne kein äußeres Zeichen der 
Trauer zeigen noch am Begräbnis teil- 
nehmen (Vers 6,7). Auch wurde ihnen 
geboten, den Rest des Opferfleisches zu 
essen, das noch auf dem Altar lag (s. 
Vers 12-15). Aaron und seine Söhne 
hielten sich an diese strenge Weisung. 
Wer heute im Aaronischen Priestertum 
dient, lernt genaue Vorschriften, was das 
Segnen und Austeilen des Abendmahls, 
die Taufe und die anderen heiligen 
Handlungen betrifft. Als Träger des 
Aaronischen Priestertums und später als 
Verantwortlicher für verschiedene Pro- 
gramme des Aaronischen Priestertums 
lernte ich verstehen, weshalb es notwen- 
dig ist, all diese heiligen Handlungen 
korrekt auszuführen, so wie unsere Füh- 
rer es vorschrieben. Das gilt auch, wenn 
man nicht versteht, warum man sich an 
eine bestimmte Vorschrift halten soll. 



6. Die eigene Treuhandschaft erfül- 
len. Aarons Berufung machte es erfor- 
derlich, daß er seine Aufträge auf das 
genaueste erfüllte, besonders, was das 
Offenbarungszelt anbelangte (s. Ex 28; 
39), und ebenso bei den verschiedenen 
Opfern (s. Lev 5-7). 
Im 10. Kapitel des Buches „Levitikus" 
wird eine Episode geschildert, wo zwei 
der vier Söhne Aarons ihre Treuhand- 
schaft mißbrauchten. Sie brachten auf 
dem goldenen Altar im Offenbarungs- 
zelt ein „unerlaubtes Feuer" dar. Darum 
wurden sie vom Herrn geschlagen. Of- 
fenbar hatten sie zuviel Wein getrunken, 
denn der Herr gebot daraufhin Aaron, 
seinen Söhnen und den nachfolgenden 
Generationen des Levitischen Priester- 



7. Dienen. Aaron hat 40 Jahre lang 
seine Zeit, seine Fähigkeiten und seine 
Kraft in den Dienst des Priestertums 
gestellt. Er war für folgende Hauptberei- 
che verantwortlich: 

a) Den Gottesdienst im Offenbarungs- 
zelt (s. Lev 24:3-9; Ex 30:7,8,30) 

b) In bestimmten Angelegenheiten zu 
Gericht sitzen (s. Lev 13,14) 

c) Die Obhut der Gegenstände im 
Offenbarungszelt, insbesondere der 
Lade der Bundesurkunde (s. Num 
4:5-20) 

d) Waschungen oder Taufen (s. Ex 
40:12; LuB 84:26,27) 

e) Das Opfern (s. Lev 6:12-16; 9:15-22; 
Ex 29:38-44) 

f) Den Unterricht in den Gesetzen und 



41 



Bündnissen (Lev 10:11; Deut 33:10) 
g) Obhut des Offenbarungszeltes, be- 
sonders dessen Transport (s. Num 
3:5-13,23-27) 
h) Das Blasen der silbernen Hörner im 
Kriegsfall oder bei religiösen Festen 
(s. Num 10:1-8) 

Wenn man diese Schriftstellen liest, 
begreift man erst, wieviel Zeit und 
Energie Aaron im Lauf der Jahre für 
diese Aufgaben aufgewendet haben 
muß. Nirgends steht, daß er sich je über 
zu viel Arbeit, über zu viele Berufungen 
oder darüber beklagt habe, daß er mehr 
Zeit brauchte, um sich an anderem zu 
erfreuen. Er arbeitete bis zu seinem Tod 
nur für das Reich Gottes. 
Es ist mir peinlich, wenn ich daran 
denke, daß ich manchmal gezögert habe, 
für die siebzehn Lehrer der Gemeinde 
Provo 13 mehr Zeit und Anstrengung 
aufzuwenden, als ich ihr Berater war. 
Gewiß, ich hatte noch kleine Kinder, ich 
hatte eine neue Arbeitsstelle und ein 
neues Haus sowie andere Aufgaben - 
aber an meine Verantwortung diesen 
jungen Männern gegenüber mußte ich 
erinnert werden. Als ich sie kennen- und 
lieben lernte, wurden ihre Schwierigkei- 
ten und Probleme zu meinen eigenen. 
Nach und nach diente ich nicht mehr aus 
Pflichtgefühl, sondern aus Liebe und aus 
Interesse an Mitmenschen. 
Aaron hatte ein kompliziertes System 
von Opfern zu beaufsichtigen. Auch wir 
in unserer Zeit haben viele Möglichkei- 
ten, von uns selbst zu geben. Anderweiti- 
ge Pflichten, hohes Alter oder unsere 
tägliche Arbeit sollten für uns keine 
Ausrede sein, daß wir dem Herrn nicht 
dienen und beim Aufbau des Gottesrei- 
ches nicht mithelfen können. Soviel wir 
auch dienen mögen - keiner von uns gibt 



so viel wie der Erretter oder der Vater im 
Himmel. 

8. Den Führern der Kirche helfen. 
Mose und Aaron werden in der Schrift 
so oft in einem Atemzug genannt, daß 
sie fast unzertrennlich erscheinen. Wenn 
wir bedenken, daß die ersten Bücher des 
Alten Testaments von Mose geschrieben 
wurden, können wir uns gut vorstellen, 
wie getreu Aaron den Mose unterstützt 
haben muß. Mose, der Führer seiner 
Evangeliumszeit und Prophet des 
Herrn, muß in der Tat das Gefühl 
gehabt haben, daß er unterstützt wurde - 
nicht nur dadurch, daß Aaron immer bei 
ihm war, sondern auch durch seinen 
gewissenhaften Dienst. Dank Aarons 
eifrigem Wirken standen den Israeliten 
alle religiösen Aktivitäten ohne Ein- 
schränkung zur Verfügung. Den Israeli- 
ten war dadurch nicht nur ein angemes- 
senes religiöses Leben möglich, sondern 
Mose wurde dadurch auch von vielen 
Sorgen befreit, so daß er sich auf jene 
Aufgaben konzentrieren konnte, die er 
nicht an andere delegieren konnte. 
Den Priestern im Aaronischen Priester- 
tum fällt ähnliches zu; sie müssen sich 
bemühen, ihren Kollegiumspräsidenten 
- den Bischof - zu unterstützen. Wenn 
die Priester ihre Treuhandschaft groß 
machen, kann sich der Bischof auf 
andere Bereiche konzentrieren. Auch die 
Ratgeber und übrigen Beamten können 
dem Bischof viele Sorgen abnehmen und 
es ihm ermöglichen, daß er besser als 
Richter in Israel und als geistiger Berater 
der Gemeinde zu fungieren vermag. 

9. Untergebenen Weisung geben. 
Eine Hauptaufgabe des Aaronischen 
Priestertums ist es, zu lehren, zu warnen, 
zu ermahnen und „alle einzuladen, zu 



42 



Christus zu kommen" (s. Lev 10:11; 
Deut 33:10; LuB 20:46-59). Aaron lehrte 
die Priester und Leviten ihre Obliegen- 
heiten und bereitete seinen Sohn Eleasar 
auf das Amt des Hohenpriesters vor. 
Beim Tod Aarons verlief der Führungs- 
wechsel reibungslos und ohne Zwischen- 
fälle - ein Zeichen dafür, wie gut er die 
anderen auf die Fortführung der prie- 
sterlichen Aufgaben vorbereitet hatte. 
In der Studentengemeinde, wo ich Bi- 
schof bin, müssen wir die meisten Ge- 
meindemitglieder in ihren Berufungen 
und Aufgaben unterweisen. Die jungen 
Mitglieder dienen mit Begeisterung und 
Eifer, doch oftmals fehlt ihnen die 
Kenntnis und Erfahrung, um die eine 
oder andere Berufung zu erfüllen. 
Meine Ratgeber sind beide geschickte 
Führer. Sie führen die Programme der 
Gemeinde wirkungsvoll durch und un- 
terweisen die Mitglieder, wie sie mitein- 
ander umgehen sollen, während ich 
mich auf ihre Beziehung zum Herrn 
konzentriere. So arbeiten wir als Mann- 
schaft, um alle Mitglieder der Gemeinde 
in ihren irdischen Pflichten zu unterwei- 
sen. 

Als Mitglieder der Kirche des Herrn 
haben wir die Aufgabe, die Lehren des 
Evangeliums und die Grundwerte eines 
christlichen Lebens durch Wort und Tat 
an andere weiterzugeben. In einer Zeit, 
wo die Weltlichkeit um sich greift und 
die Familie zerfällt, müssen wir unseren 
Werten treu bleiben, damit wir unseren 
Mitmenschen zeigen können, wie man 
als Kind Gottes lebt. 

10. Den Fortschritt beurteilen. Der 
Herr hat Aarons ergebenen Dienst 
schon während seines Lebens und auch 
danach anerkannt. Gott bestätigte Aa- 
rons Priestertumsvollmacht, indem er 



an seinem Stab auf wundersame Weise 
bewirkte, daß er Zweige trieb (s. Num 
17:20-25), und indem er seine Opfer mit 
göttlichem Feuer verbrannte (Lev 9:22- 
24). Auch gab er ihm durch Mose das 
Priestertum (s. Lev 8:4-13; LuB 132:59) 
und verhieß ihm, daß seine rechtschaffe- 
nen Nachkommen immer das Recht 
haben würden, es zu tragen (s. Ex 29:9; 
Num 18:1; IChr 23:13; LuB 68:16-21; 
LuB 84:27). Später benannte der Herr 
einen Teil oder eine Ordnung des Prie- 
stertums nach Aaron (LuB 107:1-20). 
Daraus geht hervor, daß er mit Aarons 
aufopferndem Dienst zufrieden war. 
Es fällt mir schwer, meinen eigenen 
Dienst vor dem Herrn abzuschätzen. Ich 
achte auf die feine Art und Weise, wie 
der Geist mich inspiriert und leitet. Ich 
führe mir meine Segnungen vor Augen. 
Ich versuche, den Dienst, den ich ande- 
ren geleistet habe, zu bewerten. Am 
besten wird sich mein Dienst im Priester- 
tum jedoch im Grunde genommen 
durch meine Familie zeigen. Wenn ich 
mein Priestertum ehre und liebe, wird 
auch meine Familie eher dasselbe tun. 
Am Beispiel Aarons sehen wir, wie sehr 
man das Priestertum ehren kann. Er ist 
ein Beispiel für spätere Generationen 
von Priestertumsträgern und für ihre 
Familie. Wir täten gut daran, so wir- 
kungsvoll und treu zu dienen wie Aaron. 
D 



Victor L. Ludlow ist an der Brigham-Young- 
Universität Professor für Heilige Schrift des 
Altertums. Er ist Berater eines Diakons- 
kollegiums und unterrichtet in seiner 
Gemeinde in Provo (Utah) in der Sonntags- 
schule. 



43 




44 



DAS 
WEIHNACHTSGESCHENK 



Layne H. Dearden 



Drei Assistenzärzte hatten mir be- 
reits gesagt, es gehe mir so gut, daß 
ich am nächsten Tag - am Heiligen 
Abend - das Krankenhaus verlassen 
und nach einem kurzen Urlaub zurück- 
kommen könne. Ich war sicher, Dr. 
Sherman, der Oberarzt, würde diese 
gute Nachricht nur noch bestätigen, 
wenn er später seine gewohnte Runde 
machte. Endlich kam er und blieb an 
meinem Bett stehen. Er untersuchte 
mich routinemäßig - zu routinemäßig. 
„Alles in Ordnung", versicherte er mir 
und wollte wieder gehen. Kein Wort 
davon, daß ich das Krankenhaus zu 
Weihnachten verlassen dürfe. Ich 
schluckte und fragte: „Morgen kann ich 
doch für ein paar Tage raus, oder?" 
Seine Überraschung zeigte sich nur dar- 
in, daß sich die grauen Augenbrauen ein 
wenig hoben. Er gab langsam zur Ant- 
wort: „Tut mir leid, junger Mann, 
zumindest zwei Wochen noch können 
Sie nirgends hin." 

Seine Stimme war freundlich, doch be- 
stimmt und endgültig. Ich lag sprachlos 
da, als er den Raum verließ. Das einzige, 
woran ich mich seit Tagen geklammert 



hatte, war dahin. Meine einzige Hoff- 
nung war zunichte gemacht. 
Es war nicht fair - die ganze Geschichte 
war nicht fair! Ich war bereits über ein 
Jahr auf Mission, als es geschah. Ich 
hatte Freude an meiner Berufung. Das 
Evangelium in New York City zu ver- 
künden war aufregend und forderte 
mich. Und in letzter Zeit hatte die Arbeit 
auch Früchte getragen - unsere Arbeit 
war mit Erfolg gesegnet. Und ich war 
mit Gesundheit gesegnet worden - je- 
denfalls bis zu dem Zeitpunkt vor zwei 
Wochen, als mein Arm plötzlich ein paar 
Minuten lang gelähmt war und ich über 
zwei Stunden nicht sprechen konnte. 
Niemand wußte, was mir widerfahren 
war, und so hatte man mich in jenes 
Krankenhaus in der Bronx gebracht, wo 
ich untersucht werden sollte. Ich hatte 
aus geflüsterten Gesprächen einzelne 
Worte aufgefangen wie „Schlaganfall", 
„Anfälle", „Tumor" und „Syndrome". 
Dutzende ergebnislose Untersuchungen 
raubten mir alle Kräfte, und ich fühlte 
mich kränker als bei meiner Einliefe- 
rung. Es war einfach nicht fair, daß ich 
meine Zeit in der Klinik vergeudete, 



45 



während Leute darauf warteten, belehrt 
zu werden. Es war nicht fair, daß die 
mysteriöse Krankheit überhaupt einge- 
treten war. 

Ich rief meine Familie in Utah fast jeden 
Abend an und versicherte ihnen, es ginge 
mir gut und sie müßten sich keine 
Sorgen machen. Meine Mutter wollte 
herfliegen, um bei mir zu sein, doch ich 
wußte, sie konnten es sich nicht leisten. 
Wenn sie käme, wäre mir mein Kran- 
kenhausaufenthalt nur noch peinlicher. 
Darum machte ich am Telefon Witze 
über meine mysteriöse Krankheit und 
spielte die Rolle des nonchalanten Op- 
fers, damit sie sich nicht so sehr um mich 
sorgten. 

Die kleine Klinik in der Bronx, die 
wegen ihrer Arbeit auf neurologischem 
Gebiet sehr bekannt war, mußte wohl 
der trostloseste Ort auf Erden sein - 
dessen war ich mir schon nach einer 
Nacht sicher. Als die Tage aber zu 
Wochen wurden, machte mir die Hoff- 
nung, zu Weihnachten weggehen zu 
können, mein Leiden erträglich. Der 
Gedanke an die Weihnachtsstimmung 
milderte die Langeweile und meine un- 
angenehme Lage. 

„Zumindest zwei Wochen kommen Sie 
nirgends hin." Dr. Shermans Feststel- 
lung saß in meinen Gedanken fest und 
rief ein Gefühl der Sehnsucht und der 
Endgültigkeit hervor. Als Kind träumte 
ich schon Monate vorher von Weih- 
nachten. Jetzt waren meine kindlichen 
Freuden nur teilweise von einer tieferen 
Liebe zu meinen Freunden, Verwandten 
und zu Jesus Christus verdrängt worden. 



Ich lag mindestens eine Viertelstunde 
bewegungslos im Bett, bis ich mich so 
weit umwandte, daß ich wenigstens das 
Radio erreichen und einschalten konnte. 
Seit meiner Einlieferung war das mein 
einziges Vergnügen, meine einzige Un- 
terhaltung gewesen. Aber sogar durch 
das Radiohören verfinsterte .sich meine 
Stimmung. Meine Enttäuschung wich 
einem inneren Zorn. Ich fühlte mich 
ganz und gar elend. Ich spürte, wie aus 
einer inneren schmutzigen Quelle mein 
ganzes Wesen entstellt wurde. 
Trotzdem hörte ich weiter hartnäckig 
Radio. Es war mir lieber als die längst 
gewohnten Geräusche vom Korridor 
und von der Küche her. Aus jedem 
Sender kamen Weihnachtslieder. Frohe 
Stimmen verkündeten „Freude", und 
die Sänger erinnerten mich immer wie- 
der, daß es zu den Festtagen nirgends so 
schön sei wie daheim. 
Ich freute mich nicht, und ich war auch 
nicht daheim. Nicht einmal zu meinen 
Freunden bei den Missionaren und Mit- 
gliedern hier in New York würde ich 
heimkommen können. Dieses Jahr gab 
es für mich kein Weihnachtsfest. 
Der 23. Dezember verging langsam und 
es kam der 24. Dann war der Heilige 
Abend da. Viele Patienten hatten über 
die Weihnachtsfeiertage nach Hause 
gehen dürfen. Ich nicht, ich war allein. 
Ich fühlte mich einsam, klein und unbe- 
deutend. 

Ich lag lustlos im Bett und hörte mir die 
Weihnachtslieder im Radio an und spöt- 
telte dazu in Gedanken. Ich wünschte 
mir, der Abend solle schnell vergehen. 



46 



Gegen acht Uhr klopfte es an die Tür 
und Ed Cazakoff kam herein. Er war vor 
kurzem bekehrt worden, und ich hatte 
geholfen, ihn zu belehren. Er war mit 
Päckchen beladen, und auf seinem Ge- 
sicht lag ein breites Lächeln. Er begrüßte 
mich fröhlich mit „Frohe Weihnach- 
ten!", stellte die Päckchen nieder und 
schüttelte mir herzlich die Hand. 

Es wunderte mich, ihn heute abend von 
seiner Familie getrennt zu sehen. Es war 
ja nicht nur Weihnachten - die Juden 
feierten auch das Familienfest Channu- 
ka. Ed hatte wegen seiner Bekehrung 
zum Christentum große Schwierigkeiten 
in der Familie gehabt und verbrachte 
soviel Zeit wie möglich zu Hause, um die 
Angehörigen seiner unveränderten Lie- 
be und Treue zu versichern. 
Eds Gesicht strahlte, als er an diesem 
Abend mit mir redete. Seine Wärme und 
Begeisterung und seine Verwundbarkeit 
ließen ihn jünger als 24 erscheinen. Er 
lächelte die ganze Zeit, als er von seiner 
Arbeit in der Kirche erzählte, von seiner 
Freude am Evangelium und von seiner 
liebenden Sorge um unsere gemein- 
samen Freunde und seine Angehörigen. 

Wir unterhielten uns mehrere Stunden, 
hörten Radio und öffneten die Päck- 
chen, die er mitgebracht hatte. Einige 
waren von ihm selbst, andere hatten ihm 
Freunde mitgegeben. 

Als er fortgegangen war, dachte ich 
daran, wie er nun stundenlang auf die U- 
Bahn warten und durch den Winter- 
abend nach Hause fahren würde. Ich sah 
mich in dem vormals öden Zimmer um. 



Geschenkpapier quoll aus dem Papier- 
korb. Auf dem einzigen Stuhl lag ein 
kleiner Haufen Geschenke, und an den 
Bettkanten baumelte eine Reihe rot- 
weißgestreifter Zuckerstangen. Mehr als 
das Zimmer muß jedoch ich selbst mich 
verändert haben. Mein Herz war be- 
wegt. Er hatte mir mit seiner Freude und 
Ausstrahlung die Seele erwärmt. Ich 
hatte mich ganz meinen vorübergehen- 
den Problemen hingegeben, während ich 
Gott für die Segnungen hätte danken 
sollen, die ich für immer genießen 
konnte. 

Es war Eds erstes Weihnachtsfest gewe- 
sen, und er hatte es mir geschenkt. Seine 
Aufrichtigkeit und liebevolle Anteilnah- 
me waren ein Beispiel wahren Christen- 
tums. Er hatte ein Opfer für mich 
gebracht; er hatte Interesse gezeigt. Die 
Bedeutung des Weihnachtsfest war ihm 
zutiefst bewußt gewesen, während ich sie 
ignoriert hatte. Die Freuden, denen ich 
nachtrauerte, waren in Wirklichkeit un- 
bedeutend. Sie waren, für sich genom- 
men, künstlich und oberflächlich. 
Die nächsten Stunden lag ich im Dun- 
keln und hörte die Weihnachtslieder im 
Radio an, im demütigen Bewußtsein 
ihrer Bedeutung. Ich dachte an eine 
Nacht vor langer Zeit in einem Land auf 
der anderen Seite des Meeres; ich freute 
mich über das Leben des Kindes, das in 
jener Nacht geboren wurde, und war 
bewegt vom Geist des kommenden Ta- 
ges. Ich schlief friedlich ein, voll Dank- 
barkeit für die Weihnachtsgeschenke, 
die mir zwei meiner Brüder gegeben 
hatten. D 



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DIE ABENTEUER 

EINES 

JUNGEN BRITISCHEN 

MATROSEN 



William G. Hartley 







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William Wood feierte seinen 20. 
Geburtstag während seiner 
Dienstzeit bei der britischen Marine. 
Nach dem Kriegsdienst auf der Krim 
und in China und einer dreijährigen 
Seefahrt um die Welt auf dem Schiff 
„HMS Retribution" genoß er es, wieder 
daheim auf der Insel Sheppey an der 
Themsemündung zu sein. Er erholte sich 
und erneuerte die alten Beziehungen zu 
seinen Verwandten, die es nicht gern 
gesehen hatten, daß er fünf Jahre zuvor 
Mitglied der Kirche Jesu Christi der 
Heiligen der Letzten Tage geworden 
war. 

Nachdem er schon zwei Wochen zu 
Hause war, besuchte er den örtlichen 
Zweig der Kirche. Seine Schwester be- 
gleitete ihn in der Meinung, er ginge nur 
spazieren. Sie kamen schließlich zu einer 
Versammlung der Kirche in Sheerness, 
die in „einem kleinen Obergeschoßzim- 
mer in einem schmutzigen Hintergäß- 
chen" stattfand. William wurde vom 
Zweigpräsidenten und den wenigen Mit- 
gliedern, die ihn zuvor gekannt hatten, 
herzlich begrüßt. Sie baten ihn, in der 
Versammlung zu sprechen und von 
seinen Erfahrungen auf See zu berich- 
ten. Seine Schwester war überrascht, wie 
er feststellte - ,,da ich immer noch 
Mormone war und sie mich predigen 
hörte". 

Um seine Abfindung von 80 Pfund zu 
vermehren, nahm er eine Stelle als 
Metzger an. Niemand anders als sein 
früherer Arbeitgeber stellte ihn um einen 
guten Lohn an. Fünf Jahre zuvor hatte 
ihn derselbe Mister Blaxall aus Maldon 
hinausgeworfen, weil er sich der Kirche 
angeschlossen hatte. William ging zu- 
rück nach Maldon und arbeitete dort 
etwa ein Jahr. In dieser Zeit hatte er zwei 
dringende Ziele: Er wollte nach Zion 



auswandern, und er wollte eine Frau 
finden. 

Anfang 1862 lernte der Seemann Eliza- 
beth Gentry kennen und verliebte sich in 
sie. Elizabeth war die hübsche 16jährige 
Tochter des Zweigpräsidenten von Mal- 
don. Ihre Mutter hatte sich 1853 der 
Kirche angeschlossen und sie selbst 
1854; ihr Vater, ein Schmied, trat der 
Kirche ein Jahr später bei. Bruder 
Gentry und William waren im selben 
Jahr bekehrt worden und hatten gemein- 
sam als Priester gedient und in der 
Gegend von Maldon Versammlungen 
abgehalten, bevor William zur Marine 
eingerückt war. 

Als William und Elizabeth sich verlob- 
ten, sprachen sie mit dem reisenden 
Ältesten Francis M. Lyman über die 
Auswanderung nach Zion. Bruder Ly- 
man, der später dem Rat der Zwölf 
angehörte, riet dem Paar, es solle sich 
der Auswanderungsgruppe anschließen, 
die er gerade zusammenstellte. 
Die beiden trafen in London mit weite- 
ren Heiligen zusammen, die auswander- 
ten, und die ganze Gruppe reiste nach 
Liverpool und ging an Bord des alten 
Segelschiffes „William Tapscott", das 
die Auswanderungsbeamten der Kirche 
gemietet hatten. Das Schiff beförderte 
eine der größten Mormonengruppen, 
die je über den Atlantik fuhren. Es 
waren 800 Seelen aus Großbritannien, 
Dänemark und Schweden. „Es war 
interessant", schrieb William, „wenn 
man zusah, wie die Heiligen mit ganzen 
Bündeln von Blechgeschirr an Bord 
gingen. Manche trugen Strohmatratzen 
auf dem Kopf. Andere waren mit Pake- 
ten und Lebensmittelkörben aller Art 
beladen. Einige hatten alte Möbelstücke 
. . ., andere irgendein altes Bild von den 
Urgroßeltern." 



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William fand es auch bemerkenswert, 
wie schnell unter der großen Menschen- 
menge Ordnung entstand. Die Leute 
wurden in Schiffsgemeinden eingeteilt, 
über die eigens dazu bestimmte präsidie- 
rende Älteste ernannt wurden. „Ich 
glaube nicht, daß sich dieselbe Anzahl 
von Nichtmormonen so schnell in eine 
solche Ordnung gefunden hätte", 
schrieb der erfahrene Seemann. „Nur 
der Geist des Herrn konnte eine solche 
Harmonie bewirken." Das Schiff lief am 
13. Mai 1862 aus Liverpool aus. 
Jeder Familie wurden Heimlehrer zuge- 
teilt, und Bruder Lyman übertrug Wil- 
liam die Verantwortung für sieben Aus- 
wanderer, darunter auch Elizabeth. Der 
Seemann bekam ihre Essensrationen 
zugeteilt, sorgte dafür, daß ihre Mahl- 
zeiten gekocht wurden und verrichtete 
andere notwendige Dienste. Die lange, 
sechs Wochen dauernde Seereise - die 
See war unruhig und viele wurden 
seekrank - endete in Castle Garden in 
New York. Die Gruppe mußte durch die 
ärztliche Inspektion und stieg dann auf 
Züge in Richtung St. Louis um. Weil der 
amerikanische Bürgerkrieg gerade ins 
Rollen kam, „wurden wir mehrmals 
umverfrachtet", schrieb William. Ein- 
mal wurden wir in aller Eile auf einen 
Güterzug genötigt. Die Wagen waren 
mit Schweinen beladen gewesen und 
nicht gereinigt worden. Wir erstickten 
fast im Staub und hatten noch Tage 
danach den Geschmack im Mund." 
Am Missouri angekommen, stiegen sie 
auf einen kleinen Dampfer um. Er legte 
spät in der Nacht in der Nähe von 
Council Bluffs an, und die Passagiere 
wurden mitsamt dem Gepäck Hals über 
Kopf in der Finsternis ausgeladen. Bei 
Tagesanbruch suchten die erschöpften 
Reisenden ihr verstreutes Gepäck zu- 



sammen und versammelten sich dann 
am Lagerplatz, den die Kirche für die 
Einwanderer eingerichtet hatte. Dort 
wurden sie vom Auswanderungsbeam- 
ten der Kirche, Joseph Young, in Fün- 
fer-, Zehner-, Fünfziger- und Hunder- 
tergruppen eingeteilt. Als ehemaliger 
Soldat wurde William Hauptmann der 
Wache. 

Wagen und Gespanne mußten bereitge- 
macht werden, Gepäck wurde verladen, 
man kaufte und verpackte Lebensmittel, 
und die Fuhrleute wurden eingeschult. 
Während dieser Vorbereitungen wurde 
das Lager von heftigen Stürmen, schwe- 
ren Regengüssen und Gewittern heimge- 
sucht. Das Vieh brach aus und flüchtete 
panikartig, wobei schwerer Schaden ent- 
stand. Zumindest zwei Heilige wurden 
vom Blitzschlag getötet, einige andere 
schwer verletzt. 

Durch die Überflutungen wurden bis zu 
drei Meter tiefe Wildbäche ausgespült. 
Während eines Sturms wurde William 
als Hauptmann der Wache von einer 
Schwester zu Hilfe gerufen, die gerade 
unter einem eingestürzten Zelt ein Kind 
zur Welt brachte. Mutter und Sohn 
blieben Zeit seines Lebens in Utah mit 
ihm befreundet. Die Gruppe brauchte 
zwei, drei Tage, um sich von dem 
Unwetter wieder zu erholen, und viele 
fanden ihre Kisten und Säcke, die die 
Fluten fortgerissen hatten, nie wieder. 
Ein gewisser Bruder Cooper, dem auf- 
fiel, wie geschickt William mit dem Vieh 
umging, stellte ihn an, um seine Ochsen 
einzufahren und sie später nach Utah zu 
treiben. Als Gegenleistung sollten Wil- 
liam und Elizabeth für den Transport 
nichts bezahlen. Ein paar Tage darauf 
sagte der Dienstgeber jedoch, daß er 
nicht vorhabe, nach Zion zu gehen. 
William und Elizabeth sollten ihm viel- 



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Elizabeth 

mehr helfen, in der Nähe eine Farm 
aufzubauen. Als William sich weigerte, 
mußten er und Elizabeth den Wagen 
verlassen und blieben ohne Lebensmittel 
und Trinkwasser sich selbst überlassen. 
Zum Glück kamen die Brüder Lyman 
und Charles C. Rieh aus dem Westen 
gefahren und fanden das verlassene Paar 
am selben Abend. Sie vermittelten Eliza- 
beth die Möglichkeit, mit einer Familie 
Wardell für 40 Dollar nach Utah zu 
fahren. Bruder Lyman bat jedoch Wil- 
liam, mit ihm nach Florence zurückzu- 
kehren und bei dem von D.F. Kimball 
geführten Frachtzug mitzuhelfen. Eliza- 
beths Verlobter willigte nur zögernd zu 
dieser Trennung ein: 
„Ich glaube, das war die größte Prüfung, 
die ich bestehen mußte - meine Verlobte 
zu verlassen und umzukehren. Ich gab 
jedoch nach und gab ihr einen Ab- 
schiedskuß und einen halben Sovereign 
- das ganze Geld, das ich hatte - und 



sprang auf den Wagen und fort ging's. 
Das Herz war mir schwer, und ich 
überlegte hin und her, wie das alles wohl 
ausgehen würde. Bruder Rieh sah, daß 
ich Tränen in den Augen hatte, und 
sagte, ich solle guten Mutes sein und 
Glauben haben, dann würde alles gutge- 
hen." 

Am ersten Abend im Lager sorgte er für 
Erheiterung, und noch Jahre später 
lachte man über jene Szene: William 
machte sich zum Schlafengehen bereit 
und langte in seinen Sack, um seinen 
Matrosenoverall herauszuziehen. Statt 
dessen hielt er spitzenverzierte Damen- 
unterwäsche in der Hand. Seine Kame- 
raden brüllten vor Lachen. Er hatte den 
Sack seiner Verlobten mit dem eigenen 
verwechselt! Zuletzt lachte aber viel- 
leicht doch der Seemann: Während die 
übrigen Männer des Frachttrupps drei 
Monate lang auf dem harten Boden 
schliefen, ruhte William bequem in sei- 
ner Schiffshängematte, die er zwischen 
zwei Wagenrädern befestigte. In regneri- 
schen Nächten deckte er sich mitsamt 
der Hängematte einfach mit einer Plane 
zu. 

Die Landschaft wurde täglich eintöniger 
und die Fahrt beschwerlicher. In der 
Nähe des „Chimney Rock"* erkrankte 
und verendete ein Teil der Tiere, und 
man mußte forthin zwei Wagen an ein 
Gespann hängen. Dadurch konnten nur 
noch kurze Tagesstrecken bewältigt 
werden. William dachte schon, er würde 
nie nach Utah gelangen und Elizabeth 
wieder treffen. 
An einem Samstag im Oktober fuhr der 



* Ein markant aufragender Felsen in 
Wyoming, der den Pionieren als Wegweiser 
gedient hat. 



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Trupp endlich die Hügel bei Salt Lake 
City hinunter. Die Männer waren beein- 
druckt von dem schönen Sonnenunter- 
gang über dem Großen Salzsee und der 
Stadt mit ihrem rechtwinkeligen Stra- 
ßennetz, die sich unter ihnen erstreckte. 

Als sie sich der Stadt näherten, winkte 
William jemand aus einer der nahen 
Hütten zu. Es war Schwester Wardell, 
die Frau, mit der Elizabeth nach Utah 
gereist war! William eilte hin, aber seine 
freudige Erwartung wurde schnell ge- 
dämpft. Sie teilte ihm mit, Elizabeth 
liebe ihn nicht mehr und wolle einen 
Polygamisten heiraten. 

„Ich war wie vom Blitz getroffen", 
erinnerte er sich. Niedergeschlagen mar- 
schierte der junge Mann mit dem Trupp 
bis zum Talboden weiter, um dann für 
die Nacht zu den Wardells zurückzukeh- 
ren. Die Frau wollte ihn überreden, ihre 
Tochter zu heiraten, doch er hatte kein 
Interesse. „Ich war fest entschlossen, 
meine Jugendliebe zu heiraten", sagte er. 

In Centerville lebten Freunde aus Mal- 
don,, und so brach William früh am 
nächsten Morgen auf und marschierte 
die 20 km dorthin. Er kam am Abend an 
und „zu meiner großen Freude fand ich 
das Mädchen meines Herzens auf einer 
alten selbstgemachten Bettstatt schla- 
fend. Sie sah wunderschön aus, wenn sie 
auch fast in Lumpen gekleidet war. Sie 
wachte auf, und ihre Freude war gren- 
zenlos." Elizabeth erzählte ihm dann, 
daß Frau Wardell sie mit ihrem eigenen 
Sohn verheiraten wollte. Als dieser Ver- 
such fehlschlug, warf sie das Mädchen 
hinaus und behielt alle ihre Kleider und 
ihre Bettwäsche, bis sie 40 Dollar für die 
Fahrt voll und ganz bezahlt hätte. Die 
Geschichte, daß Elizabeth William nicht 
mehr liebe, hatte Frau Wardell erfun- 



den, in der Hoffnung, der Seemann 
werde in ihre Familie einheiraten. 
William kehrte nach Salt Lake City 
zurück und führte sein Frachtgespann 
nach Springville, wo er seinen Lohn für 
drei Monate erhielt. Dann marschierte 
er nach Salt Lake City zurück, bezahlte 
die 40 Dollar Fahrgeld, holte seine und 
Elizabeths Sachen und konnte mit je- 
mand nach Centerville zurückfahren. 
Zwei Wochen später waren die Verlob- 
ten verheiratet. 

Durch schwere Arbeit schaffte sich das 
Paar ein schönes aus Ziegeln erbautes 
Haus und eine gutgehende Fleischerei in 
Salt Lake City. 1867 konnten sie für 
Elizabeths Familie die Auswanderung 
bezahlen. Ein Jahr später jedoch gaben 
die Woods ihr Haus und ihren Beruf auf, 
um eine schwierige Kolonisierungsmis- 
sion in Arizona zu erfüllen. Vier Jahre 
später kamen sie mittellos zurück und 
zogen in ein desolates Erdloch, in Sicht- 
weite ihres früheren Hauses. 
1880 verließ William erneut ein gutge- 
hendes Geschäft und seine heranwach- 
senden Kinder, um in seiner Heimat eine 
Mission zu erfüllen. Gegen Ende dieser 
ansonsten erfolgreichen Mission schrieb 
er: 

„Ich habe meinen Angehörigen - mei- 
nem Vater, meiner Mutter, meiner 
Schwester und meinem Bruder - das 
Evangelium gepredigt, und obwohl nie- 
mand von ihnen gehorcht hat, mußten 
sie doch zugeben, daß sie die Lehre nicht 
widerlegen konnten. Auch sind sie nun 
der Ansicht, daß ich heute nicht das bin, 
wofür sie mich vor 20 Jahren gehalten 
haben . . . Als ich noch ein Junge war, 
behandelten mich alle meine Verwand- 
ten mit deutlichem Wohlwollen. Genau- 
so haben sie sich gegenüber den Ältesten 
verhalten, die sie damals besucht haben. 



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Ich weiß, daß Gott sie dafür segnen 
wird." 

Sechs Jahre nach seiner Mission brachte 
Elizabeth Wood im Alter von 42 Jahren 
ihr 13. Kind zur Welt, doch ein paar 
Tage später starben Mutter und Kind. 
William heiratete später noch einmal. Er 
zog mit seiner Familie nach Kanada, wo 
der Name Wood im Vieh- und Fleisch- 
geschäft große Bedeutung gewann. Wil- 
liams Sohn, Edward J. Wood, war viele 
Jahre lang Pfahlpräsident und Präsident 
des Tempels in Alberta. 
Ein Jahr vor seinem Tod schrieb Wil- 
liam Wood seine eindrucksvolle Lebens- 



geschichte nieder. Er hoffte, junge Leute 
in der Kirche würden von seinem Bei- 
spiel als Mormone und Seemann, Pio- 
nier und Missionar lernen, ,,daß sie 
keiner Versuchung nachgeben dürfen, 
die zu Ausschweifung oder Unmoral 
führt . . ., selbst wenn sie den Ort 
verlassen müssen, wo sie im Evangelium 
gelehrt worden sind. Bete immer zum 
Herrn, sei es, daß der Diener des Herrn 
dich beruft, das Evangelium zu predi- 
gen, oder sei es, daß du in die Schreck- 
nisse des Krieges gerätst. Vergiß nie, im 
stillen zum ewigen Vater zu beten. Er 
vergißt dich nicht." D 




Umschlagseite: Papierfigur von Phyllis Luch 




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